Pierre Gasly: Der Mann, der aus dem Nichts kam

Pierre Gasly stellt den Alpine sensationell auf Pole und vermiest Mercedes und Ferrari die geplante Monza-Party. George Russell bekommt dennoch die große Chance, im WM-Kampf Boden gutzumachen. Denn während der Brite aus Reihe eins startet, muss WM-Leader Kimi Antonelli bei seinem Heimrennen ganz nach hinten.

Leonie Brandt

Manchmal braucht die Formel 1 ein ganzes Wochenende, um eine Geschichte aufzubauen. Und manchmal reichen 79,786 Sekunden, um sie komplett wegzuwerfen.

Monza hatte sich eigentlich längst entschieden. Mercedes war schnell, Ferrari war schnell, George Russell war nach zwei Trainingsbestzeiten der logische Pole-Favorit. Kimi Antonelli hätte bei seinem Heimspiel ebenfalls vorne mitgemischt, wäre da nicht diese bereits vor dem Wochenende feststehende Motorenstrafe gewesen. Und irgendwo weiter hinten fuhr ein blauer Alpine herum.

Bis Pierre Gasly beschloss, dass ihm diese Rollenverteilung nicht gefällt.

1:21,786 Minuten. Pole Position. Pierre Gasly. Alpine. Monza.

Nein, das war so nicht vorgesehen.

Pierre Gasly nach seinem Qualifying-Triumph in Monza (Foto: Alpine)

Gasly schlug Russell um 60 Tausendstelsekunden und holte in seinem 190. Grand-Prix-Wochenende tatsächlich die erste Pole seiner Formel-1-Karriere. Dass sie ausgerechnet in Monza gelingt, besitzt eine gewisse motorsportliche Poesie: Hier gewann der Franzose 2020 sensationell seinen bislang einzigen Grand Prix. Sechs Jahre später hat ihn der alte Park wieder lieb.

Drei Trainings – und kaum jemand redete über Gasly

Dabei hatte das Wochenende zunächst ziemlich normale Geschichten erzählt. Ferrari eröffnete am Freitag stark, ehe Mercedes übernahm. Im zweiten Training setzte Russell in 1:22,559 Minuten die Bestzeit vor Charles Leclerc und Antonelli. Der Italiener lag nur 0,141 Sekunden hinter seinem Teamkollegen – ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, was bei seinem Heimrennen ohne Motorenstrafe möglich gewesen wäre.

Am Samstagvormittag bestätigte sich das Bild: Russell war erneut der Mann, den es zu schlagen galt. Ferrari blieb gefährlich, Max Verstappen näherte sich an und Antonelli zeigte weiterhin genügend Tempo für die vorderen Startreihen.

Gasly? War da.

Mehr aber zunächst auch nicht.

Das änderte sich im Qualifying erstaunlich schnell. Schon in Q1 setzte Gasly mit 1:22,612 Minuten die Bestzeit. Spätestens jetzt hätte man vielleicht anfangen können, genauer hinzusehen. Im entscheidenden Q3 wurde aus dem Verdacht schließlich die Sensation. Russell schien die Sache bereits erledigt zu haben, doch Gasly fand auf seiner letzten Runde noch einmal 0,215 Sekunden und schlug den Mercedes um sechs Hundertstel.

Windschatten gehört in Monza zum Geschäft, und Alpine hatte ihn offenbar besser kalkuliert als die Konkurrenz. Aber der Windschatten bremst nicht für die erste Schikane, fährt nicht durch die Lesmo-Kurven und hält das Auto auch nicht in Ascari auf der Ideallinie. Den Rest musste Gasly schon selbst erledigen.

Und das tat er.

Russell bekommt seine WM-Chance

Für George Russell dürfte die Niederlage trotzdem leichter zu verschmerzen sein als gewöhnlich. Der Mercedes startet aus der ersten Reihe – während jener Mann, den Russell in der Weltmeisterschaft eigentlich schlagen muss, ganz hinten steht.

George Russell war überrascht, dass Gasly ihn am Ende doch noch schlug. Foto: Mercedes

Kimi Antonelli reist mit 59 Punkten Vorsprung auf Russell nach Monza. Sechs Siege hat der 20-Jährige in dieser Saison bereits eingefahren, sechs Pole Positions ebenfalls. Ausgerechnet bei jenem Grand Prix, bei dem die Tribünen einen Italiener im Mercedes feiern wollen, beginnt seine Mission aber vom Ende des Feldes. Wegen eines vollständigen Power-Unit-Wechsels wird Antonelli zurückversetzt.

Sportlich qualifizierte er sich als Siebenter. Auf dem Papier steht am Sonntag aber Startplatz 20.

Und damit könnte aus einem bislang komfortablen WM-Vorsprung zumindest wieder ein kleines Rechenexempel werden.

Denn Russell bekommt genau jene Gelegenheit, auf die ein WM-Verfolger wartet: freie Sicht nach vorne, der Tabellenführer irgendwo im Rückspiegel – sehr weit im Rückspiegel.

Das Kuriose daran: Antonelli half sogar selbst mit, Russell diese Ausgangslage zu verschaffen. Weil sein eigener Startplatz aufgrund der Strafe ohnehin feststand, wurde der Italiener im Qualifying zum Windschattenhelfer seines Teamkollegen. Der WM-Leader unterstützte also ausgerechnet jenen Fahrer, der ihm am Sonntag den größten Batzen Punkte abnehmen kann. Teamgeist kann manchmal ausgesprochen unpraktisch sein.

Antonelli muss durch das ganze Feld

Für Antonelli wird der Sonntag damit zur vermutlich schwierigsten Prüfung seiner bisherigen WM-Saison. Monza bietet zwar Überholmöglichkeiten. Die langen Geraden helfen, der Windschatten hilft, die harten Bremszonen helfen. Nur weiß das natürlich auch jeder andere.

Vor allem bedeutet Startplatz 20 zunächst Verkehr.

Antonelli muss sich durch ein Feld arbeiten, in dem jeder Zweikampf Zeit kostet. Gleichzeitig darf er sich keinen Schaden am Frontflügel, keinen Reifenschaden und schon gar keine Strafe leisten. Ein Sieg wäre von dort hinten ein kleines Wunder. Ein Podium eine Sensation. Ein kräftiges Punktepaket dagegen könnte im November genau jenes Ergebnis sein, das eine Weltmeisterschaft rettet.

Und ganz vorne wird Russell versuchen, das Gegenteil zu erreichen.

Ferrari verpasst die große Party

Für Ferrari fühlt sich der Samstag dagegen ein wenig nach einer vergebenen Gelegenheit an. Nach dem starken Beginn des Wochenendes hatten die Tifosi zumindest von Pole träumen dürfen. Am Ende qualifizierten sich Charles Leclerc als Vierter und Lewis Hamilton als Fünfter. Weil Oscar Piastri nach seinem ursprünglich dritten Platz wegen Behinderung um drei Positionen zurückversetzt wurde, rücken beide Ferrari allerdings auf die Startplätze drei und vier vor.

Damit steht die Scuderia zumindest dort, wo in Monza niemand ungern steht: direkt hinter der ersten Reihe.

Hamilton musste dafür allerdings zittern. In Q2 rettete er sich um gerade einmal eine Tausendstelsekunde gegen Gabriel Bortoleto ins Finale. Das ist nicht viel. Eigentlich ist es fast nichts.

Max Verstappen musste sich am Ende mit Startplatz 5 begnügen. Foto: Getty Images / Red Bull Content Pool

Max Verstappen lauert dahinter auf Rang fünf der Startaufstellung. Der Red Bull war am Samstag deutlich konkurrenzfähiger als zunächst erwartet, für die Pole fehlte aber die letzte Konsequenz. Und gerade Verstappen sollte man in Monza von dort nicht abschreiben: Der Weg zur ersten Schikane ist lang genug, um aus Startplatz fünf ziemlich schnell etwas Interessanteres zu machen.

Und McLaren?

Auch dort dürfte man sich den Samstag anders vorgestellt haben.

Oscar Piastri hatte sich zunächst auf Rang drei qualifiziert, fällt wegen seiner Strafe aber auf sechs zurück. Weltmeister Lando Norris kommt sogar nur von Position acht. Zwei McLaren, keiner davon in den ersten beiden Reihen – auch das gehört zu den überraschenderen Fußnoten dieses Qualifyings.

Und dann ist da noch Alpine.

Nicht nur Gaslys Pole ist bemerkenswert. Franco Colapinto stellte den zweiten Alpine auf Rang acht des Qualifyings und rückt durch Antonellis Rückversetzung sogar weiter nach vorne. Für ein Team, das man vor diesem Wochenende nicht gerade als natürlichen Kandidaten für die erste Startreihe gehandelt hatte, ist das ein ziemlich bemerkenswerter Samstag.

Gasly und Monza – da war doch was

Bleibt die Frage, ob Gasly das Ganze am Sonntag vollenden kann.

Denn Pole Position in Monza ist ein zweischneidiges Geschenk. Der Weg von der Startlinie zur Rettifilo-Schikane ist lang. Wer vorne fährt, liefert den Hintermännern zunächst einmal einen wunderbaren Windschatten. Russell wird ihn dankend annehmen, Leclerc und Hamilton dahinter ebenso.

Gasly muss also ausgerechnet dort verteidigen, wo Verteidigen besonders schwierig ist.

Aber vielleicht sollte man bei ihm und Monza vorsichtig damit sein, Dinge für unwahrscheinlich zu erklären.

2020 gewann er hier, obwohl kaum jemand damit gerechnet hatte. 2026 steht er auf Pole, obwohl noch weniger Menschen damit gerechnet hatten.

Vielleicht ist Pierre Gasly einfach jener Mann, der alle paar Jahre nach Monza fährt, um die Formel 1 daran zu erinnern, dass ihre schönsten Geschichten manchmal jene sind, die in keinem Drehbuch standen.

Und während Gasly am Sonntag vorne versucht, sein nächstes Monza-Märchen zu schreiben, beginnt 19 Plätze hinter ihm eine ganz andere Geschichte.

Kimi Antonelli gegen das Feld.

George Russell gegen die 59 Punkte Rückstand.

Und irgendwo dazwischen Ferrari, Verstappen, McLaren und 53 Runden auf einer Strecke, die ohnehin noch nie besonders viel von langfristigen Plänen gehalten hat.

Das könnte lustig werden.

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