Antonelli: Ein Sieg für die Ewigkeit

Von Startplatz 19 zum Sieg, ausgerechnet in Monza: Kimi Antonelli liefert beim Großen Preis von Italien die vielleicht größte Fahrt seiner bisherigen Karriere ab und gewinnt vor George Russell und Max Verstappen. 60 Jahre nach Ludovico Scarfiotti triumphiert damit wieder ein Italiener im königlichen Park. Und ausgerechnet an jenem Wochenende, das für den WM-Leader eigentlich unter dem Motto Schadensbegrenzung stand, setzt der 20-Jährige das bislang vielleicht stärkste Ausrufezeichen dieser Saison.

Matthias Greuling

Man wird diesen Sonntag irgendwann auf Zahlen reduzieren. Von 19 auf eins. Siebenter Saisonsieg. 66 Punkte Vorsprung in der Weltmeisterschaft. Erster italienischer Sieger in Monza seit 1966. Aber Zahlen können Lärm schlecht wiedergeben, und deshalb erzählen sie nur die Hälfte dessen, was an diesem Sonntag im königlichen Park passiert ist. Als Kimi Antonelli nach 53 Runden über die Ziellinie fuhr, war von jener eigentümlichen Trennung, die es in Monza normalerweise zwischen Ferrari und dem Rest der Formel 1 gibt, nicht mehr viel übrig. Der Mann im Mercedes war Italiener, gerade einmal 20 Jahre alt – und hatte ein Rennen gewonnen, das er eigentlich nur irgendwie überstehen sollte. Wegen des Wechsels von Komponenten der Power Unit musste der WM-Leader trotz Platz sieben im Qualifying von Startplatz 19 losfahren. Sein schärfster WM-Verfolger George Russell dagegen stand nach Pierre Gaslys sensationeller Pole Position in der ersten Reihe. Wenn es in dieser Saison einen Sonntag gab, an dem Russell seinem Teamkollegen richtig viele Punkte abnehmen musste, dann diesen. Am Abend hatte er stattdessen sieben verloren.

Antonelli führt die Weltmeisterschaft nun mit 267 Punkten vor Russell mit 201 an. Und langsam darf man sich weniger die Frage stellen, ob dieser junge Italiener dem Druck eines WM-Kampfes standhält, sondern vielmehr, wie man ihn überhaupt noch stoppen soll.

Wurde frenetisch gefeiert: Kimi Antonelli mit seinem Siegerpokal. Foto: Mercedes

Dabei begann das Rennen zunächst mit jenem Mann, dem schon der Samstag gehört hatte. Pierre Gasly brachte seinen Alpine sauber von der Pole weg und behauptete sich vor Russell in der ersten Schikane. Dahinter wurde es sofort ungemütlich. Charles Leclerc und Lewis Hamilton gerieten im Ferrari-Duell aneinander, Hamilton versuchte es innen, Leclerc ließ seinem Teamkollegen beim Herausbeschleunigen kaum Platz, der Brite musste durch den Kies und fiel bis auf Rang zehn zurück. Monza hatte kaum begonnen, und Ferrari führte bereits eine jener internen Diskussionen, die man beim Heimrennen eigentlich tunlichst vermeiden möchte. Es sollte noch viel schlimmer kommen. Russell schnappte sich zu Beginn der zweiten Runde Gasly und übernahm die Führung, wenige Augenblicke später verlor Leclerc am Ausgang der Parabolica im Kampf mit Oscar Piastri seinen Ferrari.

So crashte Leclerc in Runde 2. Quelle: Youtube

Der Wagen schoss mit hoher Geschwindigkeit durch das Kiesbett und in die Streckenbegrenzung. Leclerc blieb unverletzt, die Barrieren mussten allerdings repariert werden, das Rennen wurde mit der roten Flagge unterbrochen. Für die Tifosi war es der denkbar schlechteste Auftakt. Und irgendwo mitten in diesem Chaos war bereits einer unterwegs, den man dort eigentlich noch gar nicht erwartet hatte: Antonelli war auf harten Reifen von Platz 19 gestartet und hatte sich innerhalb dieser kurzen ersten Rennphase bereits auf Rang zwölf nach vorne gearbeitet. Sieben Plätze in nicht einmal zwei vollständigen Rennrunden – die erste Warnung an die Konkurrenz.

Beim Neustart führte Russell vor Gasly, dahinter lauerten Verstappen und Franco Colapinto. Antonelli hatte während der Unterbrechung auf Medium gewechselt, und was anschließend folgte, war bald keine gewöhnliche Aufholjagd mehr, sondern ein Durchmarsch. Während Russell vorne versuchte, sich abzusetzen, arbeitete sich Antonelli mit einer bemerkenswerten Mischung aus Aggressivität und Geduld durch das Feld. Nach zehn Runden lag der Italiener bereits auf Rang sechs, drei Runden später war er Dritter. In Runde 16 schnappte er sich Verstappen, zwei Umläufe später hing er im Getriebe seines Teamkollegen. Startplatz 19 war zu diesem Zeitpunkt nur noch eine statistische Kuriosität. Antonelli zog im Windschatten Russells über die Start-Ziel-Gerade, bremste für die erste Schikane später – und führte den Großen Preis von Italien. Nach gerade einmal 18 Runden hatte er sich vom vorletzten Startplatz an die Spitze gearbeitet.

George Russell führte bis kurz vor Schluss, dann machten seine Reifen nicht mehr mit. Foto: Mercedes

Monza entwickelte sich nun zeitweise zu einer Art Hochgeschwindigkeits-Schachspiel. Windschatten, Batteriemanagement und Reifen bestimmten den Rhythmus, wer vorne lag, befand sich nicht zwangsläufig in der besten taktischen Position. Russell und Antonelli wechselten mehrfach die Führung, auch Verstappen mischte sich ein. Mercedes wurde das gegenseitige Überholen seiner beiden WM-Kandidaten irgendwann verständlicherweise etwas zu bunt und mahnte dazu, lieber gemeinsam Abstand zur Konkurrenz aufzubauen. Antonelli blieb schließlich hinter Russell und begann seine Medium-Reifen zu schonen – eine Entscheidung, die später noch wichtig werden sollte. Denn als Lance Stroll in Runde 29 seinen Aston Martin abstellen musste und ein Virtual Safety Car ausgerufen wurde, trennte Mercedes die Strategien. Antonelli kam an die Box, Russell blieb draußen. Der Italiener erhielt frische Reifen und fiel auf Rang sechs zurück, während Russell versuchte, seine gebrauchten Pneus bis ins Ziel zu tragen. Für einen Moment sah es so aus, als hätte Mercedes dem Briten damit den Sieg praktisch in die Hände gespielt.

Doch Antonelli hatte jetzt das, was Russell fehlte: frische Reifen – und eine Menge Geschwindigkeit. Bis Runde 37 hatte er sich wieder an Hamilton und Piastri vorbeigearbeitet und lag auf Rang zwei. Vor ihm befand sich Russell, rund neun Sekunden entfernt. 16 Runden waren noch zu fahren. Was folgte, war vielleicht der beeindruckendste Abschnitt dieses Rennens. Antonelli jagte seinen Teamkollegen nicht hektisch, sondern methodisch. Acht Sekunden wurden sieben, sieben wurden fünf, fünf wurden drei. Russells Reifen hatten fast das gesamte Rennen hinter sich, während Antonelli Runde für Runde näher kam. Innerhalb von zehn Umläufen war aus einem Rückstand von knapp neun Sekunden weniger als eine Sekunde geworden. Und dann passierte genau das, was bei einer solchen Fahrt eigentlich nicht passieren darf: Vier Runden vor Schluss attackierte Antonelli, kam dabei ins Kiesbett und schien für einen kurzen Moment die vielleicht größte Aufholjagd seiner bisherigen Karriere weggeworfen zu haben. Es wäre die klassische Geschichte des jungen Fahrers gewesen, der an einem großen Tag ein kleines bisschen zu viel will.

Schaffte einen soliden 3. Platz: Max Verstappen. Foto: Sam Bagnall/Sutton Images

Aber Antonelli fing den Mercedes ab, kam zurück auf die Strecke – und griff wieder an. Zwei Runden vor Schluss war er erneut unmittelbar hinter Russell. Die Reifen des Briten hatten endgültig nichts mehr zu verschenken. Antonelli setzte sich neben seinen Teamkollegen, vollendete das Manöver und übernahm die Führung. Diesmal endgültig. Monza explodierte. Der Italiener setzte sich sofort ab und gewann schließlich mit fast vier Sekunden Vorsprung vor Russell, Verstappen kam als Dritter bereits deutlich dahinter ins Ziel. Natürlich hatte Antonelli auf dem Weg dorthin Hilfe gehabt: Die rote Flagge spielte ihm in die Karten, das Virtual Safety Car passte zu seiner Strategie, Mercedes stellte ihm ein hervorragendes Auto hin. Aber wer diesen Sieg darauf reduziert, unterschätzt die Leistung gewaltig. Man muss trotzdem von Startplatz 19 durch dieses Feld fahren. Man muss Verstappen überholen, Hamilton und die McLaren hinter sich lassen, nach einem Ausflug ins Kiesbett wieder angreifen – und schließlich George Russell bezwingen, jenen Fahrer, der genau wusste, dass dieser Sonntag vielleicht seine beste Gelegenheit war, die Weltmeisterschaft wieder richtig zu öffnen.

Antonelli hat Russell diese Gelegenheit nicht nur genommen, er hat sie ins Gegenteil verkehrt. Aus 59 Punkten Vorsprung wurden 66, aus einem Wochenende, an dem Schadensbegrenzung das vernünftige Ziel gewesen wäre, wurde der siebente Saisonsieg. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung dieses Erfolgs. Es war kein Sieg von der Pole, kein kontrollierter Nachmittag mit freier Fahrt und perfekt funktionierender Strategie. Antonelli musste sich diesen Grand Prix selbst zusammensetzen, Stück für Stück, Überholmanöver für Überholmanöver. Das ist jener Unterschied zwischen einem sehr schnellen Fahrer und einem Piloten, der beginnt, eine Weltmeisterschaft zu kontrollieren.

Und dann ist da natürlich Italien. Bis 1966 musste man zurückgehen, um den letzten italienischen Sieger eines Formel-1-WM-Laufs in Monza zu finden. Ludovico Scarfiotti gewann damals im Ferrari. Seither kamen große italienische Fahrer, Michele Alboreto kämpfte um die Weltmeisterschaft, Riccardo Patrese gewann Rennen, ebenso Giancarlo Fisichella und Jarno Trulli. Aber Monza blieb ihnen verwehrt. Nun steht dort ein 20-Jähriger aus Bologna auf dem obersten Podest.

Nicht im Ferrari, sondern im Mercedes – und trotzdem feiert ihn der königliche Park. Antonellis Erfolg ist zugleich der 50. Grand-Prix-Sieg eines italienischen Fahrers in der Geschichte der Formel-1-Weltmeisterschaft. Sollte er 2026 tatsächlich den Titel holen, wäre er der erste italienische Weltmeister seit Alberto Ascari 1953 und zugleich der jüngste Champion der Formel-1-Geschichte. Vor einigen Monaten hätten solche Sätze noch nach ziemlich gewagter Zukunftsmusik geklungen. Nach Monza nicht mehr.

Yuki Tsunoda erreichte in seinem zweiten Gastspiel für die Racing Bulls den 10. Platz und somit die Punkteränge. Eine Visitenkarte für 2027 und ein permanentes Cockpit? Foto: Rudy Carezzevoli/Getty Images

Hinter den beiden Mercedes brachte Max Verstappen einen starken dritten Platz nach Hause. Der Niederländer war zeitweise sogar ein ernsthafter Siegkandidat gewesen und lieferte sich einige der sehenswertesten Duelle des Nachmittags, doch auf die Renndistanz fehlte Red Bull schließlich die Pace der Mercedes. Verstappen holte damit ziemlich genau das Maximum dessen, was an diesem Sonntag möglich war. Lando Norris und Oscar Piastri machten Rang vier erst in der letzten Runde untereinander aus, Norris setzte sich durch. Für McLaren war das ordentlich, aber kaum mehr. Gerade angesichts der Probleme Ferraris wäre mehr möglich gewesen, und für Norris wird die Weltmeisterschaft langsam auch zu einem mathematischen Problem. Noch bitterer verlief der Nachmittag für Ferrari: Leclercs Rennen endete bereits in Runde zwei in der Streckenbegrenzung, Hamilton kämpfte sich nach seinem Ausflug zu Beginn zwar wieder nach vorne, mehr als Rang sechs war aber nicht drin. Ausgerechnet an jenem Nachmittag, an dem erstmals seit sechs Jahrzehnten wieder ein Italiener den italienischen Grand Prix gewann, stand kein Ferrari-Pilot auf dem Podium. Das ist vermutlich die maximal italienische Form der Ironie.

Auch Pierre Gaslys Märchen hielt nicht bis Sonntagabend. Nach seiner sensationellen ersten Pole Position hatte der Franzose den Start noch gewonnen, doch im Renntrimm fehlte Alpine jene Geschwindigkeit, die am Samstag für die große Sensation gereicht hatte. Gasly wurde schließlich Siebenter. Eine Enttäuschung ist das angesichts des Wochenendes trotzdem kaum: Alpine hatte eine Pole geholt und beide Autos in die Punkte gebracht. Doch über all diesen Geschichten stand am Ende ohnehin nur eine. Kimi Antonelli kam zu seinem Heimrennen als WM-Führender, wusste schon vor dem Start, dass er wegen seiner Motorenstrafe fast das gesamte Feld vor sich haben würde, während sein schärfster Titelrivale aus der ersten Reihe losfuhr. 53 Runden später hatte er nicht Schadensbegrenzung betrieben, sondern gewonnen. Von Platz 19. Gegen seinen Teamkollegen. Vor Hunderttausenden Italienern. 60 Jahre nach dem letzten italienischen Monza-Sieger.

Es gibt Siege, für die man 25 Punkte bekommt. Und es gibt Siege, die irgendwann Teil einer Biografie werden. Monza 2026 gehört für Kimi Antonelli ziemlich sicher zur zweiten Kategorie.

Das Ranking des Rennens in Monza. Grafik: MG

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