Der König fällt, Norris erbt Zandvoort

Max Verstappens letztes Heimrennen in Zandvoort endet schon in der ersten Runde in der Mauer. Während die „Orange Army“ verstummt, fährt Lando Norris einen großen Sieg heraus, Kimi Antonelli baut trotz verlorener Führung seine WM-Spitze aus – und Fernando Alonso beweist mit 45 Jahren, dass Alter in der Formel 1 vor allem eine Zahl auf dem Personalausweis ist.

Von Nico Steinbach

Es gibt Orte, an denen Max Verstappen Formel-1-Fahrer ist. Und es gibt Zandvoort.

Hier war er Volksheld, Nationalfigur und fahrende Staatsangelegenheit in Personalunion. Seit die Formel 1 2021 nach 36 Jahren Pause in die Dünen an der Nordsee zurückgekehrt war, verwandelte sich das Wochenende regelmäßig in eine dreitägige niederländische Leistungsschau in Orange. Verstappen gewann die ersten drei Rennen dieser neuen Ära, wurde danach zweimal Zweiter. Fast zwei Millionen Besucher kamen über die Jahre nach Zandvoort, ein erheblicher Teil davon vermutlich mit orangefarbenem T-Shirt und der festen Überzeugung, dass ein Red Bull eigentlich ein niederländisches Auto sein müsse.

Nun sollte es das letzte Mal sein.

Hatte einen fatalen Crash am Ende der ersten Runde: Max Verstappen schied früh aus – zum Leidwesen der Fans. Foto: Mark Thompson/Getty Images

Zandvoort verschwindet nach 2026 aus dem Formel-1-Kalender, die Organisatoren hatten aus wirtschaftlichen Gründen auf eine Fortsetzung verzichtet. Das letzte Heimrennen Verstappens hätte also alles gehabt, was man für ein großes Finale benötigt: mehr als 100.000 Fans an der Strecke, ein Sonderhelm in Delfter Blau, ein Publikum, das bereits bei seinem Namen in Ekstase geriet – und einen Fahrer, der gerade erst seine Zukunft langfristig an Red Bull gebunden hatte.

Es fehlte lediglich die entscheidende Kleinigkeit: ein Rennen.

Eine Runde für die Ewigkeit – leider eine sehr kurze

Verstappen startete nur von Rang sieben, und schon das hatte der Stimmung einen kleinen Dämpfer versetzt. Im Rennen wollte er korrigieren, was am Samstag schiefgelaufen war. Die Strecke war nach Regen noch tückisch, stellenweise feucht, und Verstappen ging entsprechend aggressiv zu Werke. Er geriet auf der ersten Runde mit Lewis Hamilton und Liam Lawson aneinander, bevor er am Ausgang der letzten Steilkurve auf die rutschigen weißen Linien kam.

Dann ging alles sehr schnell.

Das Heck brach aus. Verstappen verlor den Red Bull und schlug mit beträchtlicher Wucht in die Streckenbegrenzung ein. Trümmer lagen auf der Strecke, die Rennleitung zeigte Rot. Der Niederländer stieg glücklicherweise unverletzt aus dem zerstörten Auto.

Video vom Unfall: https://fb.watch/Jbd68ZV1kZ

Für einen Moment war Zandvoort beinahe still.

Das will etwas heißen.

Verstappen beschrieb später, dass die Stelle trockener ausgesehen habe, als sie tatsächlich war. Beim Beschleunigen habe ihn das Auto überrascht. Ausgerechnet beim letzten Heimrennen endete seine Fahrt also nach kaum mehr als einer Runde – ein ziemlich grausamer Schlusspunkt unter eine Verbindung zwischen Fahrer, Strecke und Publikum, die in der modernen Formel 1 ungewöhnlich intensiv war.

Das Abschiedsbild war deshalb nicht der viermalige Weltmeister mit niederländischer Flagge auf dem Siegerpodest. Es war Verstappen, der zu Fuß aus einer Kurve kam, während hinter ihm ein schwer beschädigter Red Bull geborgen wurde.

Die „Orange Army“ hatte sich ihr Finale anders vorgestellt.

Norris übernimmt die Hauptrolle

Für Lando Norris war Verstappens Unfall zunächst ebenfalls schlecht getimtes Theater.

Der amtierende Weltmeister hatte von der Pole geführt, doch nach der roten Flagge musste neu gestartet werden. Und dabei schlug Kimi Antonelli zu: Der Mercedes-Pilot erwischte den Neustart hervorragend, ging an Norris vorbei und übernahm die Führung. Plötzlich sah vieles danach aus, als könne Antonelli ausgerechnet beim ersten Rennen nach der Sommerpause seinen ohnehin beträchtlichen Vorsprung in der Weltmeisterschaft noch weiter ausbauen.

Doch Norris blieb dran.

Da freut sich Norris über Platz 1, gefolgt von Antonelli und Russell. Foto: Jiri Krenek / Active Pictures

Und diesmal war McLaren auch über längere Distanz schnell. Das war keineswegs selbstverständlich gewesen: Noch im Sprint hatte der McLaren mit Reifenproblemen zu kämpfen gehabt. Über Nacht hatte man jedoch offenbar verstanden, was dem Auto gefehlt hatte. Norris hielt Antonelli unter Druck, verlängerte seine Stints geschickt und begann im letzten Renndrittel entscheidend aufzuholen.

18 Runden vor Schluss war es soweit. Norris attackierte – und ging vorbei.

Von diesem Moment an gab es keinen Zweifel mehr.

Nicht einmal eine späte Virtual-Safety-Car-Phase, ausgelöst durch Esteban Ocons liegen gebliebenen Haas, konnte ihn ernsthaft gefährden. Antonelli holte sich dabei frische Soft-Reifen, Norris blieb draußen – eigentlich eine Einladung zum Angriff. Nur hatte Norris keine Lust, sie anzunehmen. Im Gegenteil: Er setzte sich wieder ab und gewann schließlich mit mehr als elf Sekunden Vorsprung.

Es war Norris‘ zweiter Grand-Prix-Sieg in Folge nach Ungarn und McLarens dritter Zandvoort-Erfolg hintereinander. Norris selbst nannte es eines seiner besten Rennen. Schwer zu widersprechen.

Er hatte die Pole geholt, beim Neustart die Führung verloren, sich strategisch zurückgearbeitet, Antonelli auf der Strecke überholt und anschließend selbst mit älteren Reifen keinen Zweifel mehr aufkommen lassen.

Ausgerechnet beim Abschied des niederländischen Volkshelden gehörte Zandvoort also einem Engländer.

Man kann schlechtere Wege finden, sich bei 100.000 Verstappen-Fans unbeliebt zu machen.

Mercedes und die Frage nach Nummer eins

Hinter Norris begann der politisch interessantere Teil des Rennens.

Antonelli hatte durch seinen späten Boxenstopp frische Soft-Reifen und kam mit großen Schritten wieder an George Russell heran. Russell lag zu diesem Zeitpunkt auf Rang zwei, hatte jedoch ältere Pneus. Mercedes entschied sich für Stallorder.

Russell sollte Antonelli vorbeilassen.

Er fragte zunächst nach – nicht gerade ein Zeichen überschwänglicher Begeisterung –, führte den Befehl dann aber aus. Antonelli wurde Zweiter, Russell Dritter. Mercedes feierte damit ein Doppelpodium.

Nach dem Rennen verteidigte Russell die Entscheidung bemerkenswert loyal. Mercedes erklärte, es habe sich im Grunde um eine Wiederherstellung jener Reihenfolge gehandelt, die vor Antonellis zusätzlichem Stopp bestanden hatte. Teamchef Toto Wolff versicherte zudem, bei vertauschten Rollen hätte man genauso entschieden.

Natürlich.

In der Formel 1 sind Stallorders bekanntlich immer vollkommen symmetrisch – bis zu dem Tag, an dem sie es nicht mehr sind.

Trotzdem hatte die Entscheidung eine sportliche Logik. Antonelli führt die Weltmeisterschaft. Durch Rang zwei baute er seinen Vorsprung auf nun 59 Punkte aus. Dahinter liegen Russell und Lewis Hamilton punktgleich bei 183 Zählern. Norris ist nach seinen beiden Siegen zwar wieder näher herangerückt, liegt aber noch 83 Punkte hinter Antonelli.

Damit beginnt bei Mercedes allmählich jene Phase einer Saison, in der mathematische Gleichberechtigung und praktische Titelpolitik auseinanderdriften.

Russell hat seine WM-Chancen keineswegs verloren. 59 Punkte sind bei der noch verbleibenden Saison aufzuholen. Doch je länger Antonelli vorne bleibt, desto schwieriger wird es für Mercedes, so zu tun, als gäbe es keine Prioritäten.

Zandvoort war vielleicht der erste kleine Hinweis darauf, wie sich diese Frage in den kommenden Wochen entwickeln könnte.

Antonelli selbst kann mit Rang zwei hervorragend leben. Er hat nicht gewonnen, aber seine Tabellenführung ausgebaut. Das ist jene Form von Niederlage, die angehende Weltmeister gewöhnlich ausgesprochen gut verkraften.

Lawson rettet Red Bulls Sonntag

Nach Verstappens Crash lag plötzlich die gesamte Red-Bull-Ehre bei Liam Lawson.

Und der machte seine Sache erstaunlich gut.

Lawson war kurzfristig für den verletzten Isack Hadjar ins große Team zurückgekehrt und hatte bereits im Qualifying überzeugt: Platz acht, nur rund eine Zehntelsekunde hinter Verstappen. Im Rennen brachte er den Red Bull trotz einer Zehn-Sekunden-Strafe wegen eines Vergehens unter gelben Flaggen auf Rang sieben ins Ziel.

Dass Lawson in einem Auto, das er kaum kannte, ausgerechnet in Zandvoort ein Wochenende nahezu auf Augenhöhe mit Verstappen absolvierte, sollte Red Bull zumindest interessieren.

Er selbst sprach von einem einsamen Rennen und räumte ein, dass schlicht die Geschwindigkeit gefehlt habe, um mit den Spitzenteams mitzuhalten. Der entscheidende Punkt liegt jedoch woanders: Lawson holte die Punkte, die verfügbar waren. Mehr war mit diesem Red Bull an diesem Wochenende offenbar nicht drin.

Nach all den Diskussionen der vergangenen Jahre darüber, warum praktisch jeder zweite Red-Bull-Pilot neben Verstappen irgendwann aussieht, als habe man ihm die Bedienungsanleitung nur auf Finnisch ausgehändigt, ist das keine ganz unbedeutende Leistung.

Yuki Tsunoda feierte ein fulminantes Comeback in Zandvoort (P11) – aber wird er nochmals fahren dürfen? Foto: Sam Bagnall/Sutton Images

Tsunoda: Comeback mit Ausrufezeichen

Auch Yuki Tsunoda dürfte Zandvoort mit gemischten, überwiegend aber positiven Gefühlen verlassen.

Der Japaner war für dieses Wochenende bei Racing Bulls eingesprungen und hatte praktisch keine Erfahrung mit der 2026er Fahrzeuggeneration. Trotzdem kämpfte er sich schnell hinein. Im Qualifying wurde er Zwölfter, im Rennen fehlte am Ende gerade einmal eine Position auf die Punkte.

Tsunoda wurde Elfter.

Das Resultat erzählt dabei nur einen Teil der Geschichte. Tsunoda überholte mehrfach, duellierte sich im Mittelfeld unter anderem mit Nico Hülkenberg und Pierre Gasly und sagte anschließend, er habe gerade diese Rad-an-Rad-Kämpfe vermisst. Racing Bulls setzte auf eine Dreistoppstrategie, die sich letztlich als etwas zu langsam erwies – insbesondere im Vergleich zu Fernando Alonsos zwei Stopps.

Arvid Lindblad kam im zweiten Racing Bull auf Rang zwölf. Eine Durchfahrtsstrafe nach Verstappens Unfall hatte sein Rennen früh beschädigt, danach zeigte der Rookie jedoch gutes Tempo und kämpfte sich wieder durchs Feld.

Punkte gab es für Racing Bulls diesmal keine. Aber sowohl Tsunoda als auch Lindblad lieferten Gründe, das Wochenende nicht unter „gebraucht“ abzulegen.

Alonso und die 45

Und dann gibt es in dieser Formel 1 noch Fernando Alonso.

45 Jahre alt.

Startplatz 18.

Ziel: Platz neun.

Zwei WM-Punkte.

Das ist historisch – allerdings etwas anders, als die naheliegende Behauptung vermuten lässt.

Fernando Alonso und Yuki Tsunoda hatten ein tolles Wochenende: P9 und P11. Foto: Mark Thompson/Getty Images

Alonso ist nicht der erste 45-jährige Fahrer, der in der Formel 1 Punkte erzielt hat. In den frühen Jahrzehnten der Weltmeisterschaft fuhren mehrere Piloten weit jenseits der 45 erfolgreich: Philippe Étancelin punktete sogar mit 53 Jahren, ebenso Luigi Fagioli; Louis Chiron war über 50. Auch Juan Manuel Fangio sammelte noch mit 47 Punkten, Graham Hill mit 45.

Sehr wohl bemerkenswert ist aber: Alonso ist der erste 45-Jährige seit Graham Hill in den 1970er-Jahren, der wieder Formel-1-WM-Punkte holt.

Und er tat es nicht durch Zufall.

Alonso startete von Rang 18, zog seine harte Reifenmischung unglaubliche 37 Runden lang und verteidigte am Ende mit jener Mischung aus Erfahrung, Übersicht und gepflegter Rennautorität, die man inzwischen als Alonso-Spezialdisziplin bezeichnen kann. Hinter ihm lauerte Gasly, doch der Aston Martin wurde über viele Runden ungefähr so breit wie ein Reisebus.

Platz neun klingt bescheiden. Für Aston Martin könnte er trotzdem wichtiger sein.

Denn das Team hat einen verbesserten Honda-Antrieb gebracht, und Alonso sprach anschließend ausdrücklich von einem weiteren Schritt nach vorne. Noch gebe es Probleme mit der Fahrbarkeit, aber das Wochenende habe gezeigt, dass die Richtung stimme.

Das ist bei Aston Martin derzeit vielleicht die interessanteste Frage: Beginnt hier tatsächlich eine Trendwende?

Das Projekt um die neue Fabrik, Honda und Adrian Newey war schließlich nie dafür gedacht, gelegentlich um Platz neun zu kämpfen. Aston Martin will an die Spitze. Bislang sah die Realität häufig weniger James Bond als Gebrauchtwagenabteilung aus. Wenn Alonso nun allerdings von Startplatz 18 aus punktet und gleichzeitig technische Fortschritte erkennt, sollte man zumindest genauer hinsehen.

Mit 45 Jahren besitzt er offensichtlich noch genügend Geduld dafür.

Die Mercedes-Piloten Kimi Antonelli (l.) und George Russell sind mit ihren Plätzen 2 und 3 gut unterwegs. Foto: Mercedes

Zandvoort sagt Servus

So endete der letzte Dutch Grand Prix nicht mit jener großen niederländischen Feier, auf die dieses Wochenende offensichtlich zugeschnitten gewesen war.

Verstappen schied aus.

Norris gewann.

Antonelli vergrößerte seinen WM-Vorsprung.

Russell musste Platz machen.

Lawson rettete Red Bull Punkte, Tsunoda verpasste sie knapp, und Alonso schrieb ganz nebenbei ein kleines Stück Altersgeschichte.

Zandvoort selbst verabschiedete sich mit einem Rennen, das noch einmal fast alles bot, was diesen Kurs so liebenswert und für Teamstrategen gelegentlich so lästig gemacht hat: wechselnde Bedingungen, schmalen Asphalt, wenig Platz für Fehler, Strategiechaos und eine Kulisse, die anders ist als fast überall sonst im Kalender.

Die vielleicht bitterste Pointe gehört ausgerechnet Verstappen.

Jahrelang war Zandvoort sein Reich. Drei Siege, zwei zweite Plätze, eine orangefarbene Tribünenlandschaft, die praktisch nur seinetwegen entstanden war. Bei seinem letzten Grand Prix dort fuhr er nicht einmal zwei Runden.

Aber vielleicht passt selbst das zu dieser Strecke.

Zandvoort war nie besonders berechenbar.

Warum also ausgerechnet beim Abschied damit anfangen?

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