George Russell beherrscht den Sprint in Zandvoort und meldet Ansprüche im WM-Kampf an. Wenige Stunden später entreißt ihm Lando Norris die Pole für den Grand Prix – während Max Verstappen vor seinem orangefarbenen Heimheer erlebt, dass Begeisterung keine Zehntelsekunden ersetzt.
Nico Steinbach
Zandvoort ist an diesem Wochenende eine seltsame Mischung aus Abschiedsparty und niederländischer Staatsoper in Orange. Die Tribünen sind voll, Rauchschwaden ziehen über die Dünen, bei jeder Ausfahrt von Max Verstappen erhebt sich ein Geräusch, als habe gerade jemand beschlossen, die Nordsee umzuleiten. Es ist der vorerst letzte Grand Prix auf dieser wunderbaren, schmalen, etwas aus der Zeit gefallenen Strecke. Und natürlich sollte dies noch einmal das große Verstappen-Festival werden.
Nur hält sich die Formel 1 selten ans Drehbuch.
Am Samstag hieß der Mann des Tages zunächst George Russell. Und zwar ziemlich eindeutig.
Russell fährt vorneweg
Der Mercedes-Pilot verwandelte seine Sprint-Pole in einen souveränen Sieg und führte sämtliche 24 Runden. Russell gewann 1,360 Sekunden vor Charles Leclerc und feierte damit bereits seinen dritten Sprint-Erfolg der Saison. Vor allem aber wirkte er dabei wie ein Fahrer, der derzeit mit seinem Auto vollkommen im Reinen ist: keine Hektik, keine übertriebene Verteidigung, kein unnötiger Reifenverschleiß. Russell kontrollierte das Rennen.

Lando Norris hielt sich zunächst hinter ihm. Doch ungefähr ab Runde neun begann der McLaren an der Hinterachse zu rutschen. Russell setzte sich ab, Norris verlor den unmittelbaren Kontakt – und bekam stattdessen Charles Leclerc in die Rückspiegel.
Ferrari hatte bei Leclerc mit den Soft-Reifen gepokert. Es war ein Risiko, das angesichts der erwarteten Abnutzung durchaus nach einem dieser Ferrari-Einfälle aussah, über die man später längere Erklärungen zu hören bekommt. Diesmal aber funktionierte es. In Runde 18 schnappte sich Leclerc Norris und fuhr auf Rang zwei.

Norris blieb Dritter. Kimi Antonelli folgte als Vierter und hatte damit einen jener Nachmittage, die für einen WM-Führenden keineswegs schlecht sind, aber auch nicht unbedingt Eindruck hinterlassen. Antonelli hatte Oscar Piastri bereits am Start überholt, kam danach jedoch nicht mehr entscheidend nach vorne.
Verstappen wurde Fünfter, Piastri Sechster, Lewis Hamilton Siebenter. Pierre Gasly holte als Achter den letzten Sprint-Punkt. Damit vergrößerte Antonelli seinen WM-Vorsprung gegenüber Hamilton sogar von 50 auf 53 Punkte. Russell hingegen schob sich mit nun 168 Zählern bis auf drei Punkte an Hamilton heran. Antonelli hält bei 224.
Das eigentlich Bemerkenswerte war aber Russell. Mercedes hatte vor der Sommerpause beinahe gebetsmühlenartig erklärt, Antonelli dürfe trotz seines großen Vorsprungs noch nicht als Weltmeister betrachtet werden. Vielleicht hatte man dabei weniger Ferrari und McLaren im Sinn als den Mann in der eigenen Garage.
Denn Russell fährt derzeit nicht wie ein Nummer-zwei-Pilot. Er fährt wie einer, der noch etwas vorhat.
Dann kam Norris – Das Qualifying für den GP
Wenige Stunden später begann das Spiel von vorne. Und plötzlich war der Sprint beinahe vergessen.
Im Qualifying für den Grand Prix sah es lange danach aus, als könnte Russell seinen perfekten Samstag vollenden. Dann kam Lando Norris.
1:11,163 Minuten.
Eine Runde, die Norris anschließend selbst als möglicherweise beste seines Lebens bezeichnete. Der McLaren-Pilot schlug Russell um 0,102 Sekunden und sicherte sich damit zum dritten Mal in Folge die Pole Position für den Dutch Grand Prix. Kimi Antonelli wurde Dritter, Oscar Piastri Vierter. Dahinter folgen die beiden Ferrari von Hamilton und Leclerc.
Das ist insofern bemerkenswert, als McLaren noch wenige Stunden zuvor im Sprint ziemlich ratlos gewirkt hatte. Norris hatte über fehlenden Grip geklagt, die Hinterreifen machten ihm das Leben schwer, Leclerc war vorbeigezogen. Danach veränderte McLaren das Setup – und im Qualifying war der Wagen plötzlich wieder da.
Man könnte sagen: McLaren hat zwischen Sprint und Qualifying seine Hausaufgaben gemacht.
Oder, etwas weniger freundlich: Es wäre interessant gewesen, hätte man sie bereits vor dem Sprint erledigt.

Der Max-Faktor – viel Orange, wenig Grip
Und dann wäre da natürlich Max Verstappen.
Siebenter.
Ausgerechnet in Zandvoort, ausgerechnet bei jenem Rennen, bei dem gefühlt selbst die Möwen orange tragen.
Verstappen startet hinter Norris, Russell, Antonelli, Piastri, Hamilton und Leclerc. Sein Rückstand auf die Pole betrug mehr als eine halbe Sekunde. Er selbst erklärte anschließend, er habe schlicht „nichts mehr“ aus dem Auto herausholen können.
Das ist der eigentliche Kontrast dieses Wochenendes. Wenige Tage nachdem Verstappen seine langfristige Zukunft bei Red Bull geklärt hat, demonstriert ihm sein Heimrennen ziemlich unbarmherzig, wie groß die sportliche Aufgabe geworden ist. Der Fahrer ist derselbe geblieben. Die Zehntelsekunden leider nicht.
Dabei besitzt Zandvoort den berühmten Max-Faktor wie keine andere Strecke. Jeder Sektor wird bejubelt, jeder Auftritt auf den Videowänden gefeiert. Wenn Verstappen aus der Boxengasse fährt, klingt das Publikum, als läge er bereits fünf Sekunden vorne.
Nur kennt die Stoppuhr keinen Patriotismus.

Verstappen kämpfte das gesamte Wochenende mit der Balance des RB22. Im Sprint reichte es immerhin zu Rang fünf, im Qualifying nur zu Startplatz sieben. Für einen gewöhnlichen Fahrer wäre das ein ordentliches Wochenende. Für Verstappen in Zandvoort fühlt es sich ungefähr so an, als würde der Papst bei der Ostermesse einen Platz in der dritten Reihe bekommen.
Das kleine Red-Bull-Personalkarussell
Noch interessanter wird die Sache beim Blick auf das zweite Red-Bull-Auto.
Weil Isack Hadjar wegen einer Handgelenksverletzung fehlt, wurde Liam Lawson kurzfristig von Racing Bulls zu Red Bull zurückbeordert. Und der Neuseeländer machte daraus bislang erstaunlich viel: Im Qualifying wurde Lawson Achter – unmittelbar hinter Verstappen.
Das ist eine hübsche kleine Pointe der Red-Bull-Personalpolitik. Lawson war Anfang 2025 nach nur zwei Rennen bei Red Bull wieder degradiert worden. Nun sitzt er kurzfristig erneut im großen Team und stellt den Wagen gleich einmal in die vierte Startreihe.
Yuki Tsunoda wiederum übernimmt an diesem Wochenende Lawsons Platz bei Racing Bulls. Für ihn ist es eine noch größere Umstellung: Tsunoda war 2026 bislang Test- und Ersatzfahrer und hatte vor Zandvoort noch keine Rennerfahrung mit der neuen Fahrzeuggeneration. Nach eigener Aussage fühlte sich praktisch alles wieder an wie bei einem Rookie. Im Sprint-Qualifying fehlten ihm trotzdem gerade einmal neun Tausendstelsekunden auf Lawson.
Für das Grand-Prix-Qualifying reichte es für Tsunoda zu Platz zwölf. Kein Ergebnis für die Schlagzeilen, angesichts der praktisch nicht vorhandenen Vorbereitung aber respektabel. Lawson dagegen stellte den Red Bull auf P8 und hat damit zumindest für dieses Wochenende jene unangenehme Frage wieder hervorgeholt, die Red Bull seit Jahren begleitet: Wie schwierig ist dieses Auto eigentlich für alle Fahrer, die nicht Max Verstappen heißen?
Auch Arvid Lindblad zeigte im Racing Bull erneut, dass das Nachwuchsprogramm der Red-Bull-Familie nicht gerade an Talentmangel leidet: Er schaffte es ins Q3 und wurde Zehnter.
Und morgen?
Damit besitzt der letzte Grand Prix von Zandvoort eine Startaufstellung, die beinahe zu schön komponiert ist.
Norris vorne. Russell daneben. Dahinter WM-Spitzenreiter Antonelli und Piastri. Hamilton und Leclerc in Reihe drei. Verstappen erst dahinter.
Für Russell ist die Ausgangslage besonders reizvoll. Der Sprint hat gezeigt, dass Mercedes über die Renndistanz ausgesprochen gut mit den Reifen umgehen kann, während Norris mit seinem McLaren Probleme bekam. Andererseits hat McLaren zwischen Sprint und Qualifying offenbar einen Weg gefunden, das Auto entscheidend zu verbessern. Und Überholen ist in Zandvoort traditionell keine einfache Angelegenheit – seit der Rückkehr der Strecke 2021 gewann bislang stets der Polesetter.
Russell muss deshalb am Sonntag vor allem eines tun: Norris am Start beschäftigen.
Antonelli wiederum kann sich den Luxus leisten, nicht um jeden Preis gewinnen zu müssen. 53 Punkte Vorsprung sind noch keine Weltmeisterschaft, aber genug, um gelegentlich den Kopf einzuschalten, während andere das Messer zwischen die Zähne nehmen müssen.
Hamilton braucht Punkte. Russell braucht Punkte. Norris braucht eigentlich sehr viele davon.
Und Verstappen?
Der braucht vermutlich ein kleines Zandvoort-Wunder.
Aber wenn am Sonntag Zehntausende Niederländer in Orange an den Dünen stehen, der Wind von der Nordsee über die Strecke bläst und beim Start sieben Autos vor Verstappen stehen, wird sich zeigen, wie groß dieser ominöse Max-Faktor tatsächlich noch ist.
Die Fans jedenfalls werden ihren Teil erledigen.
Den Rest muss der Red Bull übernehmen.
