Oranje, Oranje – und plötzlich ist die Formel 1 wieder da

Max Verstappen bleibt Red Bull bis 2030 treu, doch ausgerechnet beim Heimspiel in Zandvoort fährt ihm zunächst Mercedes davon. Kimi Antonelli dominiert das einzige Training, George Russell holt die Sprint-Pole – und über allem liegt der Eindruck, dass die zweite Saisonhälfte wesentlich enger werden könnte als die WM-Tabelle vermuten lässt.

Von Matthias Greuling

Wenn Max Verstappen eine wichtige Nachricht zu verkünden hat, könnte er sich kaum einen geeigneteren Ort aussuchen als Zandvoort. Orange Fahnen hängen aus den Fenstern, orange T-Shirts ziehen durch den kleinen Badeort an der Nordsee, und in den Dünen rund um die Rennstrecke ist schon am Freitag zu erkennen, wem dieses Wochenende eigentlich gehört. Zandvoort ist Grand Prix und Volksfest zugleich, eine Mischung aus Motorsport, Strandparty und niederländischem Nationalfeiertag. Seit der Rückkehr der Formel 1 2021 haben mehr als eine Million Fans den Dutch Grand Prix besucht; für die Ausgabe 2026 waren Samstag und Sonntag bereits ausverkauft. Und diesmal schwingt Wehmut mit: Es ist vorerst der letzte Grand Prix in Zandvoort.

Mitten hinein in diese orangefarbene Abschiedsparty platzierte Verstappen eine Nachricht, die beinahe wichtiger war als jede Rundenzeit: Er bleibt. Der viermalige Weltmeister hat seinen Vertrag mit Red Bull vorzeitig bis Ende 2030 verlängert und damit monatelangen Spekulationen über einen Wechsel zu Mercedes oder McLaren ein Ende gesetzt. Sein bisheriger Vertrag wäre bis 2028 gelaufen. Verstappen erklärte, er habe nie wirklich das Bedürfnis verspürt, das Team zu verlassen – und sagte sogar, er sei einem Rücktritt näher gewesen als einem Wechsel zu einem anderen Rennstall.

Das ist durchaus ein Vertrauensbeweis. Denn sportlich erlebt Red Bull keine einfache Saison. Das Team ist in der Hackordnung zurückgefallen und hat 2026 bislang noch keinen Grand Prix gewonnen. Verstappen wiederum hat aus seiner Skepsis gegenüber der neuen Fahrzeuggeneration keinen Hehl gemacht. Dass er sich trotzdem bis 2030 bindet, nimmt dem Fahrermarkt eines seiner größten Fragezeichen – und Red Bull zugleich den Druck, jede schwächere Phase sofort als möglichen Auslöser eines Verstappen-Abschieds betrachten zu müssen.

Nur eines konnte der neue Vertrag am Freitag nicht: den RB22 schneller machen.

Antonelli meldet sich zurück

Das einzige freie Training des Sprint-Wochenendes gehörte nämlich dem Mann, den in der zweiten Saisonhälfte alle jagen: Kimi Antonelli. Der 19-jährige Mercedes-Pilot kam aus der Sommerpause, als hätte sie überhaupt nicht stattgefunden. Mit 1:12,949 Minuten setzte der WM-Spitzenreiter die Bestzeit und verwies Weltmeister Lando Norris um 0,121 Sekunden auf Rang zwei. George Russell wurde im zweiten Mercedes Dritter, Lewis Hamilton folgte im Ferrari als Vierter mit nur 0,190 Sekunden Rückstand auf Antonelli.

Das war durchaus eine Ansage. Antonelli führt die Weltmeisterschaft mit 50 Punkten Vorsprung auf Hamilton an. Vor der Sommerpause hatte Mercedes noch demonstrativ versucht, die Erwartungen an seinen jungen Star zu dämpfen: Zwölf Rennen seien noch zu fahren, Hunderte Punkte zu vergeben, eine Weltmeisterschaft könne innerhalb weniger Wochen kippen.

Zandvoort bestätigte zunächst allerdings eher das Gegenteil. Antonelli ist weiterhin der Mann, den es zu schlagen gilt.

Ganz fehlerfrei verlief seine Rückkehr trotzdem nicht. Der Italiener leistete sich im Training einen Dreher, blieb aber schnell genug, um die Konkurrenz hinter sich zu halten. Und gerade auf einer Strecke wie Zandvoort ist das bemerkenswert. Der nur 4,259 Kilometer lange Kurs liegt zwischen Nordsee und Dünen, ist schmal, schnell und mit seinen überhöhten Kurven ein Anachronismus im modernen Formel-1-Kalender. Der Wind kann sich binnen Minuten ändern, Sand wird auf den Asphalt geweht, und ein kleiner Fehler wird hier schneller bestraft als auf den großzügigen Retortenstrecken der Gegenwart.

Verstappen bekam genau das zu spüren. Der Lokalmatador klagte über Übersteuern und kam im Training nicht über Rang elf hinaus. Für die orange Tribüne war das zunächst ein ernüchternder Auftakt.

Russell schlägt zurück

Ein paar Stunden später änderte sich das Bild.

Im Sprint-Qualifying schlug George Russell zu. Der Mercedes-Pilot setzte in SQ3 eine 1:11,567 und entriss Lando Norris mit gerade einmal 0,041 Sekunden Vorsprung die Pole für das Sprintrennen. Charles Leclerc brachte Ferrari auf Rang drei, Oscar Piastri wurde Vierter. Zwischen Russell und Piastri lagen gerade einmal 0,099 Sekunden – enger kann man kaum demonstrieren, was die Formel 1 im Herbst erwarten dürfte.

Ausgerechnet Antonelli, am Mittag noch der Schnellste, musste sich mit Rang fünf begnügen. Bereits in SQ1 war er durchs Kiesbett gerutscht und hatte dabei sein Auto beschädigt. Das kostete Reifen und Rhythmus; in der entscheidenden Phase fehlte schließlich jene letzte Präzision, die Russell an diesem Freitag fand.

Und Verstappen?

Sechster.

Kein Resultat, das die Tribünen in Zandvoort erhofft hatten, aber nach dem schwierigen Training zumindest eine Verbesserung. Verstappen selbst sprach anschließend von einem komplizierten Qualifying und davon, dass Red Bull vor allem Balance und Grip finden müsse, um die Lücke nach vorne zu schließen.

Lewis Hamilton komplettiert als Siebenter die Reihe der prominenten Titelkandidaten. Damit stehen beim Sprint nahezu alle Protagonisten dieser Saison unmittelbar hintereinander: Russell, Norris, Leclerc, Piastri, Antonelli, Verstappen und Hamilton auf den ersten sieben Plätzen. Gabriel Bortoleto und Arvid Lindblad schafften ebenfalls den Sprung in die Top Ten.

Das könnte für Samstag einiges versprechen.

Zwölf Rennen, ein völlig offener Herbst

Denn Zandvoort ist nicht nur das Ende der Sommerferien. Es ist der Beginn einer zweiten Meisterschaft innerhalb der Meisterschaft.

Antonellis 50-Punkte-Vorsprung auf Hamilton sieht komfortabel aus, ist angesichts von zwölf verbleibenden Grands Prix aber keineswegs uneinholbar. Russell liegt ebenfalls noch in Schlagdistanz, Norris hat sich vor der Pause zurückgemeldet, Ferrari brachte in Zandvoort technische Neuerungen – darunter einen neuen Unterboden – und Red Bull versucht, ausgerechnet mit dem nun langfristig gebundenen Verstappen wieder Anschluss an die Spitze zu finden.

Yuki Tsunoda darf wegen Hadjars Ausfall (gebrochene Hand) und Liam Lawsons Aufrücken zu Red Bull dieses Wochenende bei den Racing Bulls fahren. Die Freude ist groß. Foto: Mark Thompson/Getty Images

Dabei wird nicht nur die Fahrer-WM interessant. Die zweite Saisonhälfte wird zeigen, wer die neuen technischen Regeln am besten verstanden hat. Die 2026 eingeführte Fahrzeuggeneration hat die Kräfteverhältnisse durcheinandergebracht. Entwicklungsgeschwindigkeit wird deshalb mindestens so wichtig wie die reine Ausgangslage. Wer im August schnell ist, muss es im Oktober noch lange nicht sein.

Für Ferrari geht es insbesondere darum, ob Hamiltons Aufwärtstrend anhält und die Scuderia Antonelli tatsächlich unter Druck setzen kann. Bei Mercedes wiederum lauert ein zunehmend interessantes internes Duell. Russell mag in der WM hinter seinem jungen Teamkollegen liegen, doch seine Sprint-Pole in Zandvoort erinnert daran, dass er keineswegs bereit ist, sich zum Helfer Antonellis degradieren zu lassen.

Und dann ist da Verstappen. Der Titelverteidiger der Jahre 2021 bis 2024 fährt diesmal nicht als dominierender Mann der Formel 1 durch die Saison. Vielleicht macht ihn gerade das gefährlich. Der Druck der WM-Führung liegt bei anderen; Verstappen kann attackieren. Und Red Bull weiß seit Donnerstag zumindest, dass die Zukunft seines wichtigsten Fahrers nicht mehr bei jedem schwierigen Rennwochenende neu verhandelt werden muss.

Ein Abschied in Orange

Für die niederländischen Fans bekommt dieses Wochenende noch eine andere Dimension. Zandvoort verschwindet nach 2026 vorerst wieder aus dem Formel-1-Kalender. Aus dem ohnehin emotionalen Heimrennen Verstappens wird damit eine Abschiedsvorstellung.

Das erklärt vielleicht auch die besondere Atmosphäre dieses Wochenendes. Schon am Freitag stehen die Menschen dicht an den Zäunen, orange Rauchschwaden ziehen über die Tribünen, Musik dröhnt durch die Dünen. Bei jedem Auftauchen des Red Bull geht ein Geräusch durch die Menge, das man auf kaum einer anderen Rennstrecke hört. Zandvoort war seit seiner Rückkehr weniger ein gewöhnlicher Grand Prix als ein dreitägiges Verstappen-Festival.

Doch die sportliche Realität des Freitags erzählte eine andere Geschichte.

Der Mann des Trainings hieß Antonelli. Der Mann des Sprint-Qualifyings Russell. Norris und Ferrari sind unmittelbar dahinter. Und Verstappen steht beim Heimspiel zunächst nur in der dritten Startreihe.

Vielleicht ist genau das die beste Nachricht, die die Formel 1 nach ihrer Sommerpause bekommen konnte. Statt eines erwartbaren Durchmarschs deutet Zandvoort auf einen Herbst hin, in dem Mercedes, Ferrari, McLaren und vielleicht doch wieder Red Bull einander auf engstem Raum begegnen.

Die orangefarbenen Tribünen werden am Wochenende trotzdem nur einen Namen rufen. Verstappen hat ihnen gerade versprochen, dass sie ihn noch mindestens bis 2030 in einem Red Bull sehen werden.

Jetzt müsste der Red Bull nur noch wieder so schnell werden wie sein Fahrer.

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