Der Weltmeister ist zurück: Norris gewinnt Ungarn – Mercedes stolpert in die Sommerpause

Lando Norris feiert auf dem Hungaroring seinen ersten Grand-Prix-Sieg des Jahres. Max Verstappen macht aus einem schwierigen Red Bull einen sensationellen Zweiten, während Mercedes zwar das Podium rettet, aber erstmals deutlich verwundbar wirkt. Was bedeutet das für die bevorstehende Sommerpause in der Formel 1?

Anna Keller

Es dauerte bis zum elften Saisonrennen, ehe Lando Norris wieder dort stand, wo ein amtierender Weltmeister nach eigener Vorstellung häufiger zu stehen hat: auf der obersten Stufe des Podiums. Der Brite gewann den Großen Preis von Ungarn von der Pole Position, bescherte McLaren den ersten Saisonsieg und beendete eine achtmonatige Durststrecke seit seinem letzten vollwertigen Grand-Prix-Erfolg. Dass es ausgerechnet auf dem Hungaroring gelang, passte zur Dramaturgie: Hier hatte Norris bereits im Vorjahr gewonnen, hier funktionierte das jüngste McLaren-Update, und hier fand er endlich wieder jenes selbstverständliche Tempo, mit dem ein Champion seine Startnummer rechtfertigt. 

Gewinner Lando Norris und der Zweite Max Verstappen gratulieren einander. Foto: Rudy Carezzevoli/Getty Images

Norris sprach anschließend von einer der besten Rennleistungen seiner Karriere und von einem Auto, das sich „wunderschön“ habe fahren lassen. Solche Sätze klingen in der Formel 1 gewöhnlich nach geglätteter Pressekonferenz. Diesmal passten sie allerdings erstaunlich gut zum Bild auf der Strecke. Der McLaren war schnell, berechenbar und über die Distanz schonender zu seinen Reifen als die meisten Konkurrenten. Norris musste nur eine heikle Anfangsphase überstehen – und einsehen, dass selbst eine Pole Position auf dem Hungaroring noch keine Besitzurkunde für die Führung ist. 

Piastri übernimmt – Norris wartet

Beim Start kam Oscar Piastri von Rang drei hervorragend weg. Norris rutschte in Kurve zwei weit hinaus, der Australier schlüpfte vorbei und übernahm die Spitze. Für McLaren deutete sich zunächst das ideale Rennen an: zwei orange Autos vorne, dahinter die Konkurrenz, die auf einer Strecke mit notorisch knappen Überholmöglichkeiten bereits rechnen und taktieren musste. 

Norris blieb jedoch in Reichweite. Er verzichtete auf blinden Aktionismus, verlängerte seinen späteren Stint und wartete darauf, dass der Grand Prix jene kleinen Unordnungen produzierte, aus denen große Ergebnisse entstehen. Piastri geriet beim Überrunden von Carlos Sainz in Schwierigkeiten und kollidierte mit dem Williams. Der Zwischenfall kostete Zeit – genug Zeit, damit Norris nach seinem zweiten Reifenwechsel vor dem Teamkollegen auf die Strecke zurückkehren konnte. Was bis dahin ein innerbetrieblicher Zweikampf gewesen war, kippte zugunsten des Weltmeisters. 

Für Piastri kam es anschließend noch schlimmer. Vierzehn Runden vor Schluss stellte er seinen McLaren mit einem Getriebeschaden ab. Aus der möglichen Doppelspitze wurde ein Einzelsieg, aus dem Mannschaftstraum eine jener bitteren Sonntagsgeschichten, die in der Formel 1 gewöhnlich mit den Worten „so ist der Motorsport“ beerdigt werden. Der Ausfall löste eine virtuelle Safety-Car-Phase aus und veränderte damit auch das Rennen hinter Norris grundlegend. 

Der Weltmeister hatte zu diesem Zeitpunkt bereits genügend Vorsprung und brachte den Sieg mit 15,080 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Es war sein zwölfter Grand-Prix-Erfolg und McLarens erster Sieg in der laufenden Saison. Nach Monaten, in denen der Titelverteidiger häufig schnell, aber selten komplett wirkte, war dies ein nahezu makelloser Nachmittag – mit einer Portion Glück, gewiss, aber Glück ist in diesem Geschäft bekanntlich nur dann hilfreich, wenn man schnell genug fährt, um es entgegenzunehmen. 

Verstappen macht aus wenig sehr viel

Fast ebenso bemerkenswert wie Norris’ Sieg war Max Verstappens zweiter Platz. Red Bull hatte im Qualifying nicht wie ein Podiumsanwärter gewirkt. Verstappen startete lediglich von Rang sechs, nachdem seine letzte Q3-Runde mit einem Dreher geendet hatte. Bereits am Freitag hatte er über ein schwer lesbares Auto, Windempfindlichkeit und blockierende Hinterräder geklagt. Der RB22 war in Budapest kein Siegerwagen – Verstappen behandelte ihn trotzdem wie einen. 

Max Verstappen freute sich am Sonntag sehr über Platz 2 – sein Auto hätte diesen Triumph eigentlich nicht hergegeben. Foto: Red Bull/Getty Images

Sein Rennen lebte von Geduld, Strategie und einem Manöver, das den Unterschied zwischen einem guten Fahrer und einem mehrfachen Weltmeister demonstrierte. Nach der ersten Boxenstoppphase fiel Verstappen hinter Lewis Hamilton zurück. Nur eine Runde später erkannte er seine Chance, bremste den Ferrari entschlossen aus und holte sich die Position zurück. Verstappen sagte später, es sei seine einzige Gelegenheit gewesen; er habe sie gesehen und genutzt. Das klingt nüchtern. Auf dem Hungaroring, wo sich Überholfenster schneller schließen als die Garagentore am Sonntagabend, war es ein Angriff von beträchtlicher Präzision. 

Piastris Defekt spülte Verstappen schließlich auf Rang zwei. Geschenkt war das Ergebnis dennoch nicht. Er musste sich zuvor gegen Ferrari behaupten, seine Reifen verwalten und einen Red Bull balancieren, der über das gesamte Wochenende hinweg nicht nach dem zweitbesten Auto des Feldes aussah. Der zweite Platz war Verstappens bislang bestes Saisonresultat und zugleich ein Beleg dafür, dass Red Bull noch immer einen Fahrer besitzt, der aus einem mäßigen Paket Ergebnisse herauspresst, die das technische Kräfteverhältnis beinahe unhöflich aussehen lassen. 

Für die Gerüchte um seine Zukunft ist dieses Podium auf eigentümliche Weise doppeldeutig. Einerseits beweist es, dass Red Bull nicht vollständig den Anschluss verloren hat. Andererseits zeigte es erneut, wie viel Verstappen persönlich kompensieren muss. Ein Fahrer seines Formats wird sich auf Dauer kaum damit zufriedengeben, außergewöhnliche Sonntage zu benötigen, um gewöhnliche Schwächen des Autos zu verdecken.

Mercedes rettet sich – und enttäuscht dennoch

Mercedes kam als dominierende Mannschaft der ersten Saisonhälfte nach Budapest. Acht der ersten zehn Rennen hatte das Team gewonnen, Kimi Antonelli führte die Weltmeisterschaft komfortabel an, und die bislang makellose Pole-Serie der Silberpfeile war erst am Samstag durch Norris beendet worden. Gerade deshalb wirkte das Wochenende wie ein kleiner Realitätsschock. 

Lando Norris gewann erstmals ein Rennen in seiner Funktion als Weltmeister. Foto: McLaren

Antonelli qualifizierte sich zunächst als Vierter, wurde jedoch wegen eines Vergehens unter Gelb um drei Startplätze zurückversetzt. Von Rang sieben aus musste er auf einer Strecke aufholen, die schon das Nebeneinanderfahren als persönliche Zumutung empfindet. Der Italiener tat dies mit bemerkenswerter Reife. Mercedes erwog zunächst eine Einstoppstrategie, nahm später aber Abstand davon, weil der Reifenverschleiß zu kritisch wurde. Die virtuelle Safety-Car-Phase spielte Antonelli schließlich in die Karten: Ferrari holte beide Fahrer an die Box, während Mercedes den WM-Spitzenreiter draußen ließ. Antonelli musste auf harten Reifen die mit weicheren Pneus ausgerüsteten Ferraris hinter sich halten – und schaffte es. 

Rang drei war daher ein starkes persönliches Ergebnis, aber kein Beweis für ein starkes Mercedes-Wochenende. Antonelli selbst sprach von Schadensbegrenzung. Neun Podestplätze aus elf Rennen und nun 50 Punkte Vorsprung in der Fahrerwertung lesen sich imposant; in Budapest entstand dieses Podium jedoch aus Strategie, Ruhe und dem Ausfall Piastris, weniger aus überlegener Geschwindigkeit. 

George Russell erlebte den Gegenentwurf. Sein Start geriet vollkommen daneben, er fiel bis auf Platz 19 zurück und musste sich anschließend mühsam durch das Feld arbeiten. Mehr als Rang sieben war nicht mehr möglich. Damit liegt Russell nun 59 Punkte hinter Antonelli und verlor erneut Boden in einem Titelkampf, der im Mercedes-internen Duell zunehmend in eine Richtung kippt. 

Dass Mercedes mit Platz drei und sieben dennoch nicht abstürzte, sagt einiges über die Qualität des Teams. Dass ein Podestplatz inzwischen beinahe wie eine Enttäuschung wirkt, sagt noch mehr über die bisherige Saison. Budapest offenbarte, dass der W17 auf engen, langsamen und stark auf mechanischen Grip angewiesenen Strecken nicht dieselbe Überlegenheit besitzt wie auf flüssigeren Kursen. Die Silberpfeile waren nicht schlecht. Sie waren nur erstmals seit Langem sichtbar schlagbar – für dieses Team fast schon ein kleiner Skandal.

Ferrari: schnell, aber wieder im eigenen Weg

Ferrari hatte den Freitag dominiert und war auch im Qualifying konkurrenzfähig. Lewis Hamilton fehlten nur zwölf Tausendstelsekunden auf Norris’ Pole-Zeit, ehe ihn eine Drei-Plätze-Strafe wegen Behinderung Piastris auf Startplatz fünf zurückwarf. Im Rennen kämpfte Hamilton lange um das Podium, verlor aber nach der virtuellen Safety-Car-Phase strategisch an Boden und überschritt beim Verlassen der Boxengasse das Tempolimit. Die folgende Fünf-Sekunden-Strafe war bereits seine vierte Sanktion innerhalb von drei Rennwochenenden. Er kam als Vierter ins Ziel, wurde aber hinter Charles Leclerc auf Platz fünf zurückgestuft. 

Leclerc wurde damit Vierter, obwohl er auf der Strecke hinter seinem Teamkollegen angekommen war. Für Ferrari blieb nach einem Wochenende mit sichtbar konkurrenzfähigem Auto wieder einmal weniger übrig, als möglich gewesen wäre. Die Scuderia ging mit der vielleicht stärksten Freitagsform ins Wochenende und verließ Budapest mit Rang vier und fünf – ein Resultat, das solide klingt, bis man sich daran erinnert, dass Ferrari inzwischen wieder schnell genug ist, um sich über Solidität ärgern zu dürfen.

Hinter den Spitzenteams belegte Isack Hadjar Rang sechs, gefolgt von Russell und Liam Lawson. Nico Hülkenberg holte als Neunter die ersten Punkte für Audi, Arvid Lindblad komplettierte die Top Ten. 

Was bleibt vor der Sommerpause?

Die Fahrerwertung spricht weiterhin klar für Antonelli. Der Mercedes-Pilot führt nun mit 219 Punkten und einem Vorsprung von 50 Zählern auf Hamilton. Russell liegt 59 Punkte zurück. In der Konstrukteurswertung führt Mercedes mit 379 Punkten; der Vorsprung auf Ferrari beträgt 72 Zähler. McLaren hat zwar weiterhin viel aufzuholen, doch der Sieg in Budapest verändert zumindest die Atmosphäre im Feld. 

Bis zum Großen Preis der Niederlande am 23. August ruht der Rennbetrieb. Zandvoort eröffnet anschließend die zweite Saisonhälfte, gefolgt von Monza und dem zweiten Spanien-Rennen. Noch elf Grands Prix stehen aus. 

Die wahrscheinlichste Entwicklung ist keine vollständige Wachablösung, sondern eine Verdichtung der Spitze. Mercedes bleibt aufgrund seiner bisherigen Konstanz und Antonellis Vorsprung Favorit. Doch Budapest hat gezeigt, dass die Dominanz streckenabhängig ist. McLarens neuer Unterboden funktionierte bereits im Qualifying wie erhofft, und Norris bewies im Rennen, dass der MCL40 auch über die Distanz konkurrenzfähig ist. Setzt sich diese Entwicklung fort, dürfte der Weltmeister nach der Pause häufiger in den Kampf um Siege eingreifen. 

Ferrari wiederum besitzt inzwischen genügend Geschwindigkeit, um Mercedes unter Druck zu setzen. Die größere Frage liegt weniger beim Auto als bei der Umsetzung: Startstrafen, Strategieentscheidungen und weitere Sanktionen kosteten in Budapest ein mögliches Podium. Gelingt es der Scuderia, die operative Unruhe zu reduzieren, wird sie im Herbst mehr als gelegentliche Siege holen können.

Red Bulls Lage bleibt am schwersten zu lesen. Verstappens zweiter Platz war sportlich großartig, aber gerade deshalb kein verlässlicher Leistungsnachweis für das Auto. Zandvoort könnte dem Niederländer entgegenkommen: Heimkulisse, kurze Runde, schnelle Richtungswechsel und ein Fahrer, der auf dieser Strecke traditionell einen zusätzlichen Gang zu finden scheint. Doch wenn Red Bull Verstappen dauerhaft halten und wieder zum Titelkandidaten machen will, braucht es nach der Pause Fortschritte, die nicht allein aus seiner Bremskunst bestehen.

Und Mercedes? Das Team fährt mit einem komfortablen Vorsprung in die Ferien, aber nicht mehr mit der Gewissheit, überall überlegen zu sein. Antonelli wirkt stabiler als seine 19 Jahre vermuten lassen, Russell benötigt dringend einen störungsfreien Lauf, und die Ingenieure werden sich fragen müssen, warum der Wagen in Budapest so deutlich hinter den Erwartungen blieb.

Die Sommerpause kommt damit zum denkbar besten Zeitpunkt – für alle außer Norris. Der Weltmeister hat sein Auto gerade wiedergefunden, Verstappen seine Angriffslust bestätigt und Ferrari genügend Tempo entdeckt, um sich selbst im Weg zu stehen. Nur Mercedes dürfte froh sein, dass für ein paar Wochen niemand Punkte verteilt.

Denn der Hungaroring hat die Meisterschaft nicht neu eröffnet. Aber er hat gezeigt, wie schnell sie sich noch öffnen könnte.

Hinterlasse einen Kommentar