Antonelli schlägt zurück: Spa gehört wieder dem WM-Leader

Lösungen – und schon gar keine Formkrisen. Kimi Antonelli schien das am Sonntag am besten verstanden zu haben. Der Mercedes-Pilot gewann den Großen Preis von Belgien vor Charles Leclerc und Max Verstappen und setzte damit genau jenes Ausrufezeichen, das nach seinem enttäuschenden Silverstone-Auftritt erwartet worden war.

Anne Keller

Nach dem unglücklichen Technikdrama in Großbritannien war plötzlich von einer offenen Weltmeisterschaft die Rede. George Russell hatte Boden gutgemacht, Ferrari schien mit Charles Leclerc endgültig zurück in der Spitzengruppe angekommen zu sein und Red Bull hoffte nach schwierigen Wochen auf den ersehnten Befreiungsschlag. Das berühmte Pendel der Formel 1 schien sich gerade in Bewegung gesetzt zu haben. Doch kaum hatte der Tross die Ardennen erreicht, schlug Kimi Antonelli zurück – und zwar auf die Art, die Weltmeisterschaftsanwärter besonders gerne wählen: mit einem nahezu makellosen Wochenende.

Schon am Samstag ließ der 19-Jährige erkennen, dass Mercedes in Spa das Maß der Dinge sein würde. Antonelli dominierte große Teile des Wochenendes, holte sich die Pole Position und strahlte dabei jene Gelassenheit aus, die ihm nach Silverstone beinahe abgesprochen worden war. Während sich Ferrari über die erneut starke Form von Leclerc freute und Red Bull versuchte, das Auto von Max Verstappen endlich wieder berechenbarer zu machen, schien Mercedes den Rhythmus der Ardennen perfekt getroffen zu haben. Dass Antonelli anschließend von einer „wichtigen Antwort“ sprach, war keine Übertreibung. Nach einer Woche voller Diskussionen wollte er die Schlagzeilen wieder selbst schreiben.

Kimi Antonelli holte den Sieg in Belgien. Foto: Mercedes

Das Rennen begann allerdings alles andere als geradlinig.

Beim Erlöschen der Ampeln erwischte Max Verstappen den besseren Start. Der Niederländer setzte sich aus der ersten Reihe heraus neben Antonelli, schnappte sich auf dem Weg durch La Source die Führung und ließ die Red-Bull-Garage für einen kurzen Moment wieder von besseren Zeiten träumen. Doch Spa ist lang – und die Kemmel-Gerade noch länger. Bereits wenige Augenblicke später nutzte Antonelli den Windschatten, zog sich neben den Red Bull und holte sich die Spitzenposition entschlossen zurück. Es sollte die entscheidende Überholung des Nachmittags bleiben.

Während vorne der WM-Leader seine Führung zurückeroberte, nahm das Rennen für Mercedes auf der anderen Seite der Garage eine dramatische Wendung. George Russell, der als direkter Verfolger Antonellis in die Ardennen gereist war, geriet in der ersten Runde in Les Combes mit Lewis Hamilton aneinander. Für Russell war das Rennen sofort beendet. Der Mercedes strandete beschädigt im Kiesbett, Hamilton kassierte später eine Zeitstrafe. Was für Russell der denkbar schlechteste Nachmittag wurde, entwickelte sich für seinen Teamkollegen beinahe zur Idealvorlage. Der gefährlichste WM-Rivale war ausgeschieden, noch bevor das Rennen überhaupt seinen Rhythmus gefunden hatte.

Natürlich musste Antonelli den Grand Prix deshalb noch lange nicht geschenkt bekommen.

Charles Leclerc präsentierte sich im Ferrari erneut in bestechender Form. Der Monegasse blieb permanent in Schlagdistanz und profitierte später zusätzlich von einem perfekt getimten Boxenstopp während einer Virtual-Safety-Car-Phase. Ferrari spielte seine Strategie sauber aus und brachte Leclerc wieder unmittelbar hinter den Mercedes zurück. Für einige Runden schien sogar der zweite Ferrari-Sieg in Folge durchaus möglich. Doch Antonelli blieb ruhig. Keine überhasteten Manöver, keine Fehler, keine hektischen Funksprüche. Runde um Runde kontrollierte er den Abstand und ließ Leclerc nie nah genug herankommen, um einen ernsthaften Angriff starten zu können. Genau diese Ruhe macht den Italiener inzwischen so gefährlich. Wo andere auf Spa permanent am Limit tanzen, wirkt Antonelli fast, als fahre er das Rennen bereits zwei Runden im Voraus.

Zwei, die sich mögen: Kimi Antonelli (l.) und Max Verstappen schätzen einander und zeigen das auch. Foto: Mark Thompson/Getty Images

Leclerc musste sich deshalb erneut mit Rang zwei begnügen – und dürfte trotzdem zufrieden nach Hause gefahren sein. Ferrari bestätigte eindrucksvoll, dass Silverstone kein Ausreißer gewesen ist. Das Auto funktioniert inzwischen auf unterschiedlichsten Streckentypen, die Strategie sitzt wieder deutlich sicherer, und Leclerc wirkt seit seinem Sieg in Großbritannien befreit. Die Scuderia sammelt inzwischen nicht nur Hoffnung, sondern konstant große Punkte. Genau das hatte in den vergangenen Monaten gefehlt.

Max Verstappen blieb dagegen zwischen allen Stühlen.

Nach dem starken Start sah es zunächst danach aus, als könne Red Bull endlich wieder um den Sieg kämpfen. Doch je länger das Rennen dauerte, desto deutlicher zeigte sich, dass der RB22 zwar stabiler geworden ist als zuletzt, aber noch immer nicht das dominante Auto früherer Jahre darstellt. Verstappen verteidigte Rang drei souverän, fand jedoch weder gegen Leclerc noch gegen Antonelli ein Mittel. Ein Podium ist nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen sicherlich Balsam für das Team – Begeisterung dürfte in Milton Keynes dennoch nicht ausgebrochen sein. Dafür kennt man dort den Unterschied zwischen Schadensbegrenzung und echter Trendwende zu gut. Immerhin war es das 300. Podium der Teamgeschichte – ein hübsches Jubiläum, das allerdings etwas mehr Glanz gehabt hätte, wäre ganz oben nicht erneut ein Mercedes gestanden.

Auch hinter den drei Spitzenfahrern blieb genügend Gesprächsstoff.

Lewis Hamilton kämpfte sich trotz seiner Zeitstrafe noch auf Rang vier und sorgte anschließend mit einer Untersuchung wegen eines Zwischenfalls beim Boxenstopp für weitere Nachwehen. Oscar Piastri betrieb als Fünfter Schadensbegrenzung für McLaren, während Isack Hadjar mit Platz sechs nach einer beeindruckenden Aufholjagd zu den heimlichen Gewinnern des Tages gehörte. Lando Norris kam nach einem langsamen Boxenstopp nicht über Rang sieben hinaus und verlor im Kampf um die Spitzenplätze weiter an Boden.

Die eigentliche Geschichte des Wochenendes schrieb jedoch erneut die Weltmeisterschaft.

Noch vor sieben Tagen schien Antonellis komfortabler Vorsprung zu schmelzen. Russell rückte näher, Ferrari gewann an Fahrt und selbst Verstappen hoffte auf ein Comeback. Spa hat diese Erzählung gründlich umgeschrieben. Der frühe Ausfall Russells spielte Antonelli zwar in die Karten, doch der Italiener nutzte diese Vorlage mit der Konsequenz eines künftigen Champions. Er gewann nicht durch Glück, sondern weil er das schnellste Auto, die sauberste Rennführung und die größte Nervenstärke miteinander verband. Genau so entstehen Titel.

Spa-Francorchamps gilt seit jeher als Strecke der Wahrheit. Wer hier gewinnt, tut das selten zufällig.

Antonelli hat genau daran erinnert. Silverstone war ein Warnschuss. Spa war die Antwort. Und sie fiel so deutlich aus, dass sich die Konkurrenz erneut fragen muss, ob der WM-Leader am Ende vielleicht doch einen Tick weiter ist als alle anderen.

Bestellen Sie jetzt das neue Formel-1-Buch zum Reglement 2026!

Hinterlasse einen Kommentar