Antonelli überragend im Qualifying in Belgien. Verstappen kommt langsam in Form.
Anna Keller
Spa-Francorchamps hat die Eigenart, Fahrer klein aussehen zu lassen. Sieben Kilometer Asphalt, schnelle Mutkurven, Wetterkapriolen und kaum eine Strecke, auf der sich ein Auto so gnadenlos entlarvt. Nach zwei Trainingstagen und dem Qualifying steht fest: Mercedes und Kimi Antonelli haben ihre Hausaufgaben gemacht. Red Bull dagegen setzt vor allem auf einen Mann – Max Verstappen.

Dabei begann das Wochenende noch mit einem Paukenschlag aus Milton Keynes. Im ersten freien Training fuhr Verstappen Bestzeit vor Lewis Hamilton und Charles Leclerc. Red Bull wirkte auf den langen Geraden und im ersten Sektor stark, Verstappen fand sofort Vertrauen in den RB22 und setzte das erste Ausrufezeichen des Wochenendes.
Doch schon am Nachmittag verschob sich das Kräfteverhältnis. Antonelli übernahm in FP2 mit einer Runde in 1:45,944 Minuten die Spitze vor Lando Norris und Verstappen. Zwei Unterbrechungen verhinderten längere Rennsimulationen, dennoch zeichnete sich bereits ab, dass Mercedes auf den langen Stints einen kleinen Vorteil besitzen könnte. Verstappen blieb zwar in Schlagdistanz, wirkte aber mit dem Auto nicht ganz so zufrieden wie noch am Vormittag.
Auch das dritte Training gehörte Antonelli. Der WM-Führende ließ erneut Norris und Verstappen hinter sich und bestätigte, dass Mercedes auf der Ardennen-Achterbahn derzeit das vollständigste Paket besitzt. Überschattet wurde FP3 allerdings vom Abflug Lewis Hamiltons in Fagnes. Der Ferrari wurde am Heck erheblich beschädigt, die Mechaniker mussten bis unmittelbar vor dem Qualifying Schwerstarbeit leisten.

Für Lando Norris war das Qualifying ohnehin nur die halbe Wahrheit. McLaren entschied sich bereits vor dem Zeittraining für den Einbau einer zusätzlichen Leistungselektronik an seinem Mercedes-Antrieb. Damit überschritt der Brite das für die Saison erlaubte Kontingent und kassierte automatisch eine Rückversetzung um zehn Startplätze. Das Team nahm die Strafe bewusst in Kauf, weil Spa mit seinen langen Geraden und guten Überholmöglichkeiten als eine der günstigsten Strecken gilt, um eine solche Strafversetzung möglichst schmerzlos wegzustecken. Norris selbst erklärte, dass dies der richtige Ort sei, um die unvermeidliche Strafe abzusitzen.
Hamilton schaffte es trotz seines Unfalls rechtzeitig auf die Strecke – doch der große Mann des Samstags war erneut Antonelli.
Mit einer souveränen Runde in 1:44,361 Minuten holte sich der Italiener die Pole Position – und das mit dem bislang größten Vorsprung einer Pole in dieser Saison. Max Verstappen wurde Zweiter, mehr als drei Zehntelsekunden dahinter. Charles Leclerc stellte den Ferrari auf Rang drei, George Russell komplettierte die zweite Reihe. Norris qualifizierte sich zwar ebenfalls weit vorne, wird wegen seiner Motorenstrafe im Rennen jedoch zehn Plätze nach hinten versetzt. Auch Isack Hadjar muss nach einem Komponentenwechsel vom Ende des Feldes starten.
Für Antonelli war es die logische Krönung eines makellosen Wochenendes. Drei Trainings, dreimal Schnellster, dazu die Pole – souveräner lässt sich eine Favoritenrolle kaum untermauern. Der 19-Jährige wirkt inzwischen bemerkenswert abgeklärt. Was vor wenigen Monaten noch wie ein Ausnahmetalent aussah, entwickelt sich immer mehr zum Alltag eines WM-Führenden.
Und Max Verstappen?
Der Niederländer dürfte mit Platz zwei durchaus leben können. Spa gehört zu den Strecken, auf denen der Windschatten eine größere Rolle spielt als anderswo. Von der ersten Startreihe aus ist bis Les Combes vieles möglich. Zudem war Red Bull im Renntrimm bislang konkurrenzfähiger als auf eine schnelle Runde. Verstappen weiß, dass sich ein Grand Prix in Spa selten in der ersten Kurve entscheidet – oft aber in Eau Rouge, auf der Kemmel-Geraden oder durch das berühmte Ardennen-Wetter.
Genau dort liegt die Hoffnung von Red Bull. Über eine Runde hatte Mercedes klar die Nase vorne. Über die Renndistanz könnte das Bild deutlich enger werden. Verstappen dürfte alles daran setzen, Antonelli bereits am Start oder spätestens auf der langen Kemmel-Geraden unter Druck zu setzen.

Ferrari scheint nach Silverstone seinen Aufwärtstrend bestätigt zu haben. Leclerc präsentierte sich erneut stark, Hamilton kämpfte sich trotz seines Trainingsunfalls noch in die Spitzengruppe zurück. McLaren bleibt trotz der Norris-Strafe gefährlich – insbesondere dann, wenn das Rennen turbulent verläuft.
Die Favoritenrolle trägt dennoch Kimi Antonelli. Doch wenn einer aus der ersten Reihe einen Pole-Sitter unter Druck setzen kann, dann Max Verstappen. Und Spa hat schon oft bewiesen, dass Pole Position hier nur der erste Schritt ist – nicht der letzte. Sollte das Wetter wie so oft in den Ardennen mitspielen, könnte aus einem bislang von Antonelli dominierten Wochenende am Sonntag noch ein echter Formel-1-Klassiker werden.
