In der Formel 1 genügt manchmal ein schlechter Heckflügel, um den ganzen Fahrermarkt zum Rauchen zu bringen. Max Verstappen flog in Silverstone ab, Red Bull wirkte wieder einmal nicht ganz sattelfest, und schon tauchte jenes Gerücht auf, das zu dieser Saison passt wie ein strategischer Fehler zu Ferrari: Verstappen zu McLaren.
Matthias Greuling
Klingt wild. Ist es auch. Aber ganz aus der Luft gegriffen ist die Geschichte nicht.
Mehrere Berichte schreiben seit Tagen von Gesprächen zwischen Verstappens Lager und McLaren. PlanetF1 berichtete sogar von fortgeschrittenen Verhandlungen, sport.de griff die Darstellung auf und sprach vom möglichen Paukenschlag. Der Kern der Spekulation: Verstappen könnte Red Bull trotz eines Vertrags bis Ende 2028 verlassen, falls eine leistungsbezogene Ausstiegsklausel greift. Diese Klausel soll ihm ermöglichen, für 2027 auszusteigen, wenn er bis zur Sommerpause nicht in den Top zwei der Fahrerwertung liegt. Nach Silverstone ist er davon weit entfernt.

Der sportliche Auslöser ist offensichtlich. Red Bull fährt nicht mehr vorneweg, sondern sucht zu oft Erklärungen. Verstappen hat 76 Punkte, liegt nur auf Rang sieben der WM und musste in Silverstone nach einem erneuten Problem am Heckflügel und seines Abflugs ins Kiesbett aufgeben. Er nannte das Thema danach „frustrating and painful“ und sprach von einer gefährlichen Situation. Wer Verstappen kennt, weiß: Wenn er über Technik so redet, ist das kein dekoratives Gemecker, sondern eine ernste Warnung.
Dazu kommt die personelle Unruhe bei Red Bull. Laut Berichten sollen weitere Schlüsselpersonen gehen oder gegangen sein. Besonders pikant ist der Name Gianpiero Lambiase, Verstappens langjähriger Renningenieur, der mit McLaren in Verbindung gebracht wird. Sollte ausgerechnet jener Mann, der Verstappens Funkverkehr seit Jahren zwischen Therapie und Taktik moderiert, in Woking landen, wäre das natürlich mehr als nur ein Detail.
McLaren wiederum ist sportlich attraktiv genug, um Fantasie zu erzeugen. Das Team hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es Titelautos bauen kann. Lando Norris ist gesetzt, Oscar Piastri steht unter Vertrag – und genau hier beginnt der komplizierte Teil. Denn ein Verstappen-Wechsel zu McLaren hätte nur dann Platz, wenn einer der beiden aktuellen Fahrer weichen müsste. Realistisch wird in den Spekulationen vor allem Piastris Sitz genannt. Das ist die Stelle, an der das Gerücht zwar heiß klingt, aber auf kalte Verträge trifft.

Mark Webber, Piastris Manager, hat die Spekulationen jedenfalls sehr deutlich zurückgewiesen. Oscar sei für die absehbare Zukunft an McLaren gebunden, sagte er, Gerede über einen angeblichen Wechselwunsch sei „nonsense“. Auch Zak Brown wiederholt seit Wochen seine Linie: Er sei glücklich mit Norris und Piastri. Sinngemäß: Verstappen ist ein großartiger Fahrer, aber McLaren hat nur zwei Autos, und beide sind besetzt. In der Formel 1 bedeutet so ein Satz nicht immer das Ende einer Geschichte, aber immerhin: Die offizielle Tür ist zu. Ob sie abgeschlossen ist, weiß nur der Hausmeister in Woking.
Verstappen selbst macht das Spiel nicht gerade langweiliger. Auf Fragen zu seiner Zukunft reagierte er zuletzt ausweichend. Er sagte nicht: Ich bleibe. Er sagte auch nicht: Ich gehe. Er sagte sinngemäß: Dazu sage ich nichts. Das ist im Fahrerlager ungefähr so beruhigend wie Rauch aus der Motorabdeckung.
Seriös betrachtet gibt es drei Ebenen. Erstens: Verstappen hat sportliche Gründe, Red Bull kritisch zu betrachten. Das Auto ist nicht konstant siegfähig, die Fehler häufen sich, der Rückstand in der WM ist groß. Zweitens: McLaren ist als Ziel logisch, weil das Team konkurrenzfähig, strukturell stabil und technisch stark wirkt. Drittens: Der konkrete Wechsel bleibt unbewiesen. Kein Vertrag ist offiziell, kein Fahrerplatz ist frei, und Piastris Lager dementiert einen Abgang klar.
Trotzdem zeigt die Debatte, wie stark sich die Machtverhältnisse verschoben haben. Noch vor kurzer Zeit war die Frage nicht, ob Verstappen Red Bull verlässt, sondern ob irgendjemand Red Bull überhaupt wieder einholt. Jetzt wird darüber diskutiert, ob der vierfache Weltmeister sein sportliches Glück in Papaya suchen könnte. Das allein ist schon ein kleines Erdbeben.
Für Red Bull ist die Lage unangenehm. Nicht, weil jedes Gerücht stimmt. Sondern weil solche Gerüchte nur dann glaubwürdig werden, wenn die sportische Basis wackelt. Verstappen ist kein Fahrer, der gern Aufbauarbeit romantisiert. Er will gewinnen. Wenn Red Bull ihm das nicht glaubhaft anbieten kann, schaut sein Lager sich um. So funktioniert dieser Sport, auch wenn Loyalität in Pressemitteilungen immer hübscher klingt.
Ob Verstappen 2027 wirklich im McLaren sitzt, bleibt offen. Im Moment ist es eine Mischung aus Vertragslogik, Paddock-Geflüster und Red-Bull-Krise. Aber die Spekulation ist nicht mehr nur Sommerloch mit Motorengeräusch. Sie ist ein Symptom.
Und vielleicht ist genau das für Red Bull das Unangenehmste: Nicht McLaren muss Verstappen überzeugen. Red Bull muss es.

