Leclerc gewinnt: Silverstone sortiert die WM neu

Die aktuelle Fahrerwertung ind er Formel 1. Grafik: MG

Was wir heute und am ganzen Wochenende gesehen haben, ist bemerkenswert: Nach dem Sieg von Charles Leclerc ist das Rennen um die Formel-1-Krone wieder offener als je zuvor. Zumal George Russell schon in Schlagdistanz zum WM-Führenden Kimi Antonelli lauert…

Matthias Greuling

Charles Leclerc hat den britischen Grand Prix gewonnen – und damit ein Wochenende beendet, das für Ferrari endlich wieder nach Angriff roch. Der Monegasse setzte sich in Silverstone vor George Russell und Lewis Hamilton durch. Kimi Antonelli, der von der Pole gestartet war und lange wie ein möglicher Sieger aussah, wurde durch ein technisches Problem weit zurückgeworfen. Max Verstappen landete kurz vor Schluss im Kiesbett von Stowe. Silverstone war damit kein Sonntag für saubere Erzählungen, sondern einer für beschädigte Autos, späte Wendungen und ein Podium, das für Ferrari fast wie ein therapeutischer Durchbruch wirkte.

Leclerc gewinnt sein erstes Rennen seit Texas 2024. Foto: Ferrari

Leclerc gewann in 1:27:11,335 Stunden. Russell lag im Ziel nur 0,427 Sekunden zurück, Hamilton 0,772 Sekunden. Der Abstand ist allerdings trügerisch, weil das Rennen hinter dem Safety Car endete. Ausgelöst hatte es Verstappen, der vier Runden vor Schluss in Stowe abflog. Der Niederländer war auf Podiumskurs, ehe sein Red Bull ausbrach und im Kies stecken blieb. Danach war der Grand Prix sportlich praktisch eingefroren.

Für Leclerc war der Sieg dennoch kein Geschenk. Er erwischte einen starken Start und schob sich sofort an Polemann Antonelli vorbei. Auch Hamilton kam besser weg als der Mercedes-Junior, womit Ferrari plötzlich auf eins und zwei lag. Leclerc stabilisierte die Führung, Hamilton hielt zunächst Antonelli hinter sich, doch der WM-Leader fing sich und überholte später den siebenfachen Weltmeister. Nach den Stopps begann Antonelli auf frischeren Reifen Leclerc wieder einzuholen. Die Sache roch nach einem echten Schlussduell.

Sie Champagner-Dusche bei Ferrari war ausgiebig. Foto: Ferrari

Dann kam Runde 41. Bei Antonelli löste sich vorne links ein Teil der Radabdeckung, das Auto verlor massiv Abtrieb und wurde schwer fahrbar. Mercedes holte ihn zweimal zusätzlich an die Box, dazu kam eine Fünf-Sekunden-Strafe wegen Track Limits. Offiziell wurde Antonelli am Ende nur auf Rang 15 gewertet. Er sprach danach von einem Lauf, der „from bad to worse“ gegangen sei, und nannte das Ergebnis „tough to swallow“. Verständlich: In Barcelona hatte ihn schon ein Defekt ein starkes Resultat gekostet, in Silverstone war er wieder auf Kurs Sieg oder Podium.

Leclerc dagegen nutzte die Tür, die sich öffnete. Nach schwierigen Wochen, nach Fehlern, Druck und dem immer stärker werdenden Hamilton im gleichen Auto, war dieser Sieg mehr als ein Pokal. Er sagte nach dem Rennen, „the feeling was back where it needs to be“. Das klingt nach klassischem Fahrersprech, traf aber den Punkt. Leclerc war in Silverstone wieder jener Fahrer, den Ferrari so lange gesucht hatte: schnell am Samstag, entschlossen am Start, ruhig im Rennen. Es war sein erster Sieg seit dem USA-Grand-Prix 2024 – und der lange erwartete Weg zurück ganz oben aufs Podium.

Arvid Lindblad von den Racing Bulls und George Russell fahren Lego Minicars bei der Fahrer-Parade im Vorfeld des GP von Silverstone. Foto Redbull Content Pool

Auch Hamilton durfte mit Platz drei zufrieden sein, obwohl mehr möglich war. Er hatte am Freitag das Wochenende eröffnet wie früher: Bestzeit im einzigen freien Training, dann Sprint-Pole vor heimischem Publikum. Im Sprint musste er sich Antonelli geschlagen geben, der ihn in Runde acht auf der Hangar Straight überholte und anschließend kontrolliert gewann. Hamilton sagte nach dem Sprint, er habe „absolutely everything“ gegeben, aber Antonelli sei mit seinem Energiemanagement einfach vorbeigeflogen. Im Rennen selbst blieb Hamilton im Ferrari schnell, wurde aber durch Strategie und späte Rennumstände hinter Russell gespült. Nachher klagte er über „just one thing after the other“ – immerhin auf dem Podium, zum 16. Mal in Silverstone.

Russell wiederum war der glückliche Zweite und wusste es selbst. Mercedes nahm mit Platz zwei ein starkes Ergebnis mit, obwohl Antonelli durchgereicht wurde. Russell profitierte davon, dass Hamilton unter dem späten Safety Car noch stoppte, während er draußen blieb. Er sagte danach bemerkenswert offen, er nehme das Resultat, sei aber nicht zufrieden. Wenn die Leistungen so blieben, werde er nicht um die Weltmeisterschaft kämpfen können. Das ist typisch Russell: selbstkritisch bis zur Selbstanklage, aber in der Tabelle plötzlich wieder gefährlich nah dran. Vor dem Wochenende lag er 40 Punkte hinter Antonelli, jetzt sind es 25.

Der Samstag hatte noch nach Antonelli-Festspielen ausgesehen. Erst gewann der 19-Jährige den Sprint vor Hamilton und Norris, dann holte er mit 1:28,111 Minuten die Pole für den Grand Prix vor Leclerc und Hamilton. Russell wurde Vierter, Hadjar starker Fünfter, Norris und Verstappen folgten dahinter. Red Bull war schon da nicht richtig glücklich. Verstappen funkte im Qualifying, der Motor reagiere nicht normal, später fiel der Satz „What a disaster“. Für einen vierfachen Weltmeister ist das eine knappe, aber durchaus vollständige Wochenenddiagnose.

Am Sonntag wurde es nicht besser. Verstappen kämpfte sich zwar in Podestnähe, doch die Balance seines Red Bull blieb ein Problem. Nach dem Ausfall erklärte er, das wiederkehrende Problem mit dem Heckflügel sei „frustrating and painful“. Wenn der Heckflügel nicht vollständig schließe, verliere man viel Abtrieb, sagte er. Besonders deutlich wurde er mit dem Hinweis, dass dies nun zum zweiten Mal passiert sei und „dangerous for myself“ werde. Sein Schlusswort klang müde: Er freue sich im Moment nur darauf, nach Hause zu gehen und nicht an Formel 1 zu denken.

Wo steht Red Bull also? Hadjar wurde Fünfter und brachte wichtige Punkte, doch Verstappens Ausfall und die wiederholten technischen Sorgen machen aus Silverstone einen ungemütlichen Befund. Das Auto ist schnell genug, um vorne aufzutauchen, aber nicht stabil genug, um Vertrauen zu erzeugen. In der Konstrukteurswertung liegt Red Bull nur auf Rang vier, hinter Mercedes, Ferrari und McLaren. Das ist für dieses Team keine Delle, sondern ein Zustand, der langsam weh tut.

McLaren erlebte ein Wochenende ohne Glanz. Norris wurde Vierter, Piastri nach frühem Schaden nur Elfter. Für ein Team, das auf schnellen Strecken eigentlich mitreden will, war das solide Schadensbegrenzung, aber kein Fortschritt. Racing Bulls nutzte die Verwirrung stark: Lawson wurde Sechster, Lindblad Siebter. Bortoleto holte als Achter Punkte für Audi, Alpine kam mit Colapinto und Gasly auf neun und zehn.

Der große Blick nach Silverstone: Antonelli bleibt WM-Führender, aber seine Komfortzone ist weg. 179 Punkte hat er, Russell 154, Hamilton 147. Ein technischer Defekt hier, ein starker Sonntag dort – und aus Vorsprung wird plötzlich Druck. Mercedes führt die Teamwertung weiter klar an, doch Ferrari hat mit Leclercs Sieg und Hamiltons Podium einen deutlichen Aufwärtstrend bestätigt. Die Scuderia wirkt nicht mehr wie ein Projekt mit berühmtem Fahrer, sondern wie ein Team, das an beiden Enden Punkte sammeln kann.

Das Rennergebnis aus Silverstone. Grafik: MG

Silverstone hat die Saison also nicht entschieden, aber sie enger gemacht. Antonelli führt weiter, Russell ist wieder in Schlagdistanz, Hamilton bleibt gefährlich, Leclerc ist zurück, Ferrari lebt. Und Red Bull? Dort muss man dringend klären, ob Verstappens Worte nur Frust waren – oder die ehrlichste Zusammenfassung des Zustands.

Hinterlasse einen Kommentar