Russell auf Pole, Verstappen im Kies: Spielberg serviert Drama mit Alpenpanorama

Verstappen startet am Sonntag nur von Rang 5 in das Heimrennen von Red Bull, weil er in Q3 gegen die Bande krachte – Profiteur ist Russell, auch weil Antonelli unter gelber Flagge voreilig seine schnelle Runde abbrach. Unterdessen erwartet die Fahrer in Spielberg eine Hitzeschlacht mit bis zu 38 Grad.

Matthias Greuling

Spielberg kann an einem Sommertag sehr friedlich aussehen. Grüne Hügel, volle Tribünen, ein bisschen Volksfeststimmung im Murtal. Und dann kommt Q3, Max Verstappen verliert in Kurve 9 den Red Bull – und aus der Postkartenidylle wird innerhalb weniger Sekunden ein ziemlich teures Durcheinander.

George Russell (mit Dominik Paris und dem Autoreifen für die Pole) fuhr dank des Unfalls von Max Verstappen auf Rang 1. Foto: Jörg Mitter / Red Bull Ring

George Russell startet beim Grand Prix von Österreich von der Poleposition. Seine 1:06.113 Minuten reichten für Startplatz eins, 0,236 Sekunden vor Charles Leclerc und 0,295 Sekunden vor Lewis Hamilton. Dahinter: WM-Leader Kimi Antonelli, Max Verstappen, Lando Norris, Oscar Piastri, Isack Hadjar sowie die Racing-Bulls-Piloten Liam Lawson und Arvid Lindblad. Dass diese Reihenfolge am Ende so aussah, lag nicht nur an Russells Geschwindigkeit, sondern auch an einem späten Abflug des Hausherrn.

Verstappen war in Q3 auf seiner letzten schnellen Runde unterwegs, als der Red Bull in Kurve 9 ausbrach. Ein kurzer Moment Kontrollverlust, dann ging es durchs Kiesbett und in die Barriere.

Der Niederländer stieg unverletzt aus, aber der Schaden war angerichtet: gelbe Flaggen im entscheidenden Augenblick. Mehrere Fahrer mussten ihre finalen Versuche abbrechen oder zumindest deutlich entschärfen. Antonelli etwa nahm komplett raus, weil er die Situation als doppelte gelbe Flagge interpretierte. Später sprach er von seinem eigenen Fehler. Bitter, denn nach dem ersten Q3-Versuch hatte der junge Mercedes-Star noch provisorisch auf Pole gestanden.

Max Verstappen kurz bevor er ins Kiesbett abflog. Foto: Philip Platzer / Red Bull Ring

Russell dagegen fuhr weiter – mit Lift, wie er betonte. „Ich habe die gelbe Flagge gesehen, ich habe deutlich rausgenommen“, sagte der Mercedes-Pilot sinngemäß. Die Rennkommissare sahen sich das noch einmal an, ließen die Sache aber fallen. Pole bleibt Pole. In Spielberg wurde also nicht nur mit Hundertsteln, sondern auch mit Flaggenkunde sortiert.

Für Red Bull ist das zu Hause natürlich ein besonders grantiger Nachmittag. Der eigene Ring, die eigenen Tribünen, der eigene Name über der Strecke – und dann steht ein Mercedes ganz vorne, zwei Ferrari dahinter, während Verstappen nach einem Einschlag nur von Platz fünf startet. Das ist ungefähr so, als würde man zur eigenen Grillfeier einladen und der Nachbar bringt das bessere Fleisch mit.

Ganz aus dem Nichts kam Russells Pole aber nicht. Schon im dritten freien Training am Vormittag hatte Mercedes den Ton gesetzt: Russell fuhr mit 1:07.096 Minuten Bestzeit, Antonelli lag nur 0,038 Sekunden dahinter. Hamilton war im Ferrari Dritter, Piastri und Norris folgten für McLaren, Verstappen wurde Sechster. Die Tendenz war klar: Mercedes hatte auf eine Runde das sauberste Paket, Ferrari rückte näher, McLaren war solide, Red Bull suchte noch nach jener Selbstverständlichkeit, die man am Red Bull Ring eigentlich erwartet.

Charles Leclerc gratuliert George Russell, der ihn im Qualifying auf Rang 2 verdrängte.
Foto: Jörg Mitter / Red Bull Ring

Das Qualifying bestätigte diesen Eindruck. Mercedes blieb schnell, Ferrari nutzte die Chance, McLaren fehlte der letzte Biss. Leclerc setzte mit Platz zwei ein starkes Zeichen, Hamilton bestätigte nach seinem Barcelona-Sieg, dass der Ferrari-Aufschwung keine Eintagsfliege ist. Für Antonelli ist Platz vier dagegen ein kleiner Kratzer im Lack: nicht dramatisch, aber ärgerlich. Gerade auf einer kurzen Strecke wie Spielberg, wo die erste Kurve schnell eng wird und die Anfahrt zu Kurve 3 gern zu Übermut verführt, zählt jede Startreihe.

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Der Red Bull Ring ist mit seinen 4,326 Kilometern ohnehin ein Kurs, der einfach aussieht und kompliziert fährt. Drei harte Bremszonen, viel Vollgas, wenig Zeit zum Durchatmen. Wer hier einen Rhythmus findet, fliegt. Wer ihn verliert, merkt es sofort – und im Fall Verstappen leider auch ziemlich sichtbar. Kurve 9 ist kein Ort für halbe Entscheidungen. Dort braucht es Vertrauen ins Heck, und genau das fehlte im falschen Moment.

Das Resultat des Qualifyings in Spielberg. Grafik: MG

Auffällig stark präsentierten sich auch die Racing Bulls. Lawson und Lindblad brachten beide Autos in Q3, was im dichten Mittelfeld mehr wert ist als jede hübsche Pressemitteilung. Hadjar stellte den zweiten Red Bull auf Platz acht, während Gasly als Elfter knapp hängen blieb. Williams, Cadillac und Aston Martin erlebten dagegen einen Samstag zum Zusammenfalten: Sainz und Albon früh draußen, Perez und Bottas weit hinten, Alonso und Stroll am Ende des Feldes. Im Murtal kann man auch sehr schön leiden.

Für den Sonntag ist die Ausgangslage reizvoll. Russell hat freie Sicht, aber hinter ihm lauern zwei Ferrari, die inzwischen nicht mehr nur höflich mitfahren. Hamilton startet von Platz drei und bringt genau jene Ruhe mit, die in Spielberg bei Hitze, Track Limits und enger Strategie schnell nützlich wird. Antonelli muss von Platz vier zeigen, dass ihn der Q3-Ärger nicht aus dem Konzept bringt. Und Verstappen? Der startet beim Heimrennen seines Teams von Platz fünf – mit Wut im Bauch und vermutlich wenig Lust auf Geduld.

Spielberg hat sein Qualifying bekommen: laut, knapp, schräg und mit einer gelben Flagge als Hauptdarstellerin. Für Red Bull war es ein Heimnachmittag mit blauen Flecken. Für Mercedes ein Geschenk, das Russell allerdings selbst erst einmal auspacken musste.

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