Kimi gewinnt die WM 2026: „Wir haben es geschafft!“

Andrea Kimi Antonelli ist Formel-1-Weltmeister – mit 20 Jahren der jüngste aller Zeiten. Ein chaotischer Grand Prix von Mexiko mit schwerem Unfall, roter Flagge und erbitterten Zweikämpfen endet mit einem bewegenden Bild: Rennsieger Max Verstappen und Lewis Hamilton heben den neuen Champion auf ihre Schultern.

Matthias Greuling

Am Ende tragen sie ihn. Max Verstappen auf der einen Seite, Lewis Hamilton auf der anderen, dazwischen Andrea Kimi Antonelli: der junge Mann, der ihnen in dieser Saison davongefahren ist und nun auf ihren Schultern sitzt. Elf Weltmeistertitel haben die beiden zusammen gewonnen. Jetzt feiern sie den ersten ihres Konkurrenten. Drei Generationen von Weltmeistern auf einem Foto. Auf der Strecke hatten Verstappen und Hamilton einander noch bis zuletzt bekämpft; auf dem Podium teilen sie die Freude über den Aufstieg eines außergewöhnlichen Fahrers. Mexiko bekommt einen großen Sieger und einen neuen Weltmeister. Und die Formel 1 eines jener Bilder, die bleiben.

Antonelli hat es geschafft. Mit 20 Jahren und 68 Tagen ist er der jüngste Weltmeister der Formel-1-Geschichte, deutlich jünger als Sebastian Vettel bei dessen erstem Titel 2010. Italien hat nach 73 Jahren wieder einen Champion, den ersten seit Alberto Ascari (Weltmeister 1952 und 1953). Und Mercedes darf jenen Fahrer feiern, dem das Team zugetraut hatte, die Nachfolge Hamiltons anzutreten. Schon in seiner zweiten Formel-1-Saison hat Antonelli dieses Vertrauen mit dem größten Erfolg beantwortet.

Gewann das Rennen: Max Verstappen. Foto: RedbullContentPool

Wie viel dieser Augenblick bedeutet, lässt sich zunächst kaum in vollständigen Sätzen ausdrücken. Über Funk kommen Dankesworte, unterbrochen von Tränen. „Wir haben es geschafft, wir haben es geschafft.“ Später feiert er mit seiner Mutter Veronica, seinem Vater Marco und seiner Schwester Maggie. Der Fahrer, der das Rennen so beherrscht bewältigt hat, kann seine Gefühle nun nicht mehr zurückhalten.

Antonelli erzählt anschließend, dass ihn die Tränen bereits auf der letzten Runde überwältigt hätten. Gegenüber Sport Mediaset beschreibt er, wie schwer es dadurch geworden sei, die Strecke noch zu erkennen. Sein Dank gilt Mercedes und seiner Familie; ohne sie, sagt er, wäre dieser Moment nicht möglich gewesen. Es ist ein Abend der Erleichterung, der Umarmungen, des allmählichen Begreifens. Die Gewissheit ist da. Das Gefühl braucht noch ein wenig, um hinterherzukommen.

Dabei hatte ihm dieser Grand Prix keineswegs einen ruhigen Weg zur Krönung bereitet. Ein neunter Platz hätte genügt, unabhängig von den Ergebnissen seiner verbliebenen Titelrivalen. Antonelli wurde Dritter, hinter Verstappen und Hamilton, und holte sich seinen Platz auf dem Podium mit einem Überholmanöver gegen Charles Leclerc. Zwischen Start und Zielflagge lagen Ferrari-interne Kämpfe, Zeitstrafen, ein schwerer Unfall, eine längere Unterbrechung und ein weiterer später Einsatz des Safety Cars. Die Meisterschaft mochte rechnerisch beinahe entschieden sein. Durch dieses Rennen musste der künftige Champion trotzdem erst hindurch.

Max Verstappen und Lewis Hamilton lagen vorn, aber Antonelli war der Star des Tages. Foto: Mark Thompson/Getty Images

Das Durcheinander begann schon auf der ersten Runde. Hamilton war von der Poleposition gestartet, doch Leclerc griff seinen Teamkollegen sofort an. Die beiden Ferrari kämpften durch die erste Kurvenkombination, anschließend setzte Leclerc im Bereich der Kurven vier und fünf erneut nach. Er fuhr über das Gras und kam als Führender zurück. Hamilton verlor dabei so viel Schwung, dass auch Verstappen vorbeikam.

Für Ferrari war das eine folgenschwere Eröffnung. Statt die hervorragende Ausgangsposition gemeinsam zu nutzen, verschafften sich die beiden roten Autos gegenseitig Schwierigkeiten – und Verstappen die Gelegenheit, aus Startplatz fünf binnen einer Runde Rang zwei zu machen. Hamilton beklagte sich am Funk über seinen Teamkollegen. Leclerc erhielt fünf Sekunden Zeitstrafe, weil er die Strecke verlassen und sich dabei einen Vorteil verschafft hatte. Die Führung durfte er zunächst behalten.

Verstappen verstand sofort, was daraus zu machen war. Er hielt den Abstand zu Leclerc klein genug, um beim Boxenstopp von dessen Strafe zu profitieren. Als beide in Runde 28 hereinkamen, wechselte die Reihenfolge zu seinen Gunsten. Leclerc hatte das Rennen angeführt, Verstappen hatte sich die entscheidende Gelegenheit offengehalten.

Auch George Russells letzte Titelhoffnung erlitt früh einen Rückschlag. Der Mercedes-Pilot kollidierte auf der ersten Runde mit Isack Hadjar und drehte den Red Bull um. Dafür erhielt Russell zehn Sekunden Zeitstrafe. Während Antonelli sein Rennen kontrollierte, hatte sein Teamkollege bereits zusätzlichen Boden verloren. Für Hadjar wiederum war ein aussichtsreicher Nachmittag beschädigt, bevor er richtig begonnen hatte.

Dann kam jener Unfall, der alle sportlichen Berechnungen für einen Moment bedeutungslos machte. Am Cadillac von Valtteri Bottas versagte bei der Anfahrt auf die erste Kurve die Aufhängung. Das Auto schleuderte rückwärts in die Begrenzung. Die Bilder waren beängstigend; die medizinischen Helfer kümmerten sich zunächst am Wagen um den Finnen. Schließlich konnte Bottas selbst aussteigen. Er wurde vorsorglich untersucht und laut Rennbericht anschließend ohne Verletzungen aus dem Medical Centre entlassen.

Zunächst erschien das Safety Car, dann die rote Flagge. Die beschädigte Streckenbegrenzung musste repariert werden. Mit 25 noch ausstehenden Runden wurde aus dem Rennen eine lange Wartezeit – und für Antonelli aus einer greifbaren Entscheidung wieder eine Aufgabe mit offenem Ausgang. Ein stehender Neustart würde das Feld erneut eng zusammenführen.

Die Unterbrechung hatte außerdem eine wichtige Auswirkung auf die Reihenfolge. Hamilton war während der Safety-Car-Phase noch einmal an die Box gefahren und dabei hinter Antonelli zurückgefallen. Für den Neustart wurde jedoch der Stand vor diesem Stopp herangezogen. Damit stand Verstappen vor Leclerc, Hamilton und Antonelli. Der Italiener musste seinen Podestplatz also erst wieder erobern.

Beim Wiederbeginn erwischte Hamilton den besseren Start als Leclerc und zog an seinem Teamkollegen vorbei. Sofort griff er Verstappen an. In der ersten Kurve berührten sich die beiden, Hamilton geriet etwas nach außen, Verstappen blieb vorn. Die Rennleitung sah später keinen Anlass für eine weitere Untersuchung. Leclerc verbremste sich hinter ihnen und beschädigte seine Reifen durch Bremsplatten. Antonelli nutzte die Gelegenheit wenig später: In Runde 48 ging er in der ersten Kurve innen am Ferrari vorbei und übernahm Platz drei.

Dieses Manöver gab seiner Titelfahrt die passende sportliche Pointe. Antonelli hätte sich mit erheblich weniger begnügen können. Doch er erkannte eine Möglichkeit, führte den Angriff sauber aus und sicherte sich jenen Platz, von dem aus er später gemeinsam mit Verstappen und Hamilton feiern würde. Seine Vorsicht war groß genug, um die Meisterschaft zu schützen; sein Ehrgeiz blieb groß genug, um das Rennen weiterzufahren.

Auch danach kehrte keine Ruhe ein. Arvid Lindblad kollidierte im Kampf mit Oscar Piastri und verunfallte in Kurve zwei. Erneut rückte das Safety Car aus, erneut verschwanden die zuvor herausgefahrenen Abstände. Hamilton erhielt eine weitere Chance auf den Sieg. Antonelli musste noch einmal durch eine Schlussphase, in der ein einziger Zwischenfall viel hätte verändern können.

Verstappen hielt stand. Der Niederländer hatte sich die Führung mit Aufmerksamkeit und Tempo erarbeitet, sie beim stehenden Neustart verteidigt und musste sie nun ein weiteres Mal gegen Hamilton behaupten. Der Ferrari blieb gefährlich nahe. Doch eine entscheidende Gelegenheit ließ Verstappen nicht mehr zu. Nach 71 Runden gewann er mit 0,799 Sekunden Vorsprung; Antonelli folgte 4,006 Sekunden hinter dem Sieger.

Dieser Erfolg verdient neben der großen Titelgeschichte seinen eigenen Platz. Verstappen gewann von Startplatz fünf, überstand die Unterbrechung und widerstand einem Hamilton, der nach seiner Poleposition unbedingt auch den Sonntag für sich entscheiden wollte. Es war Max’ dritter Saisonsieg und sein dritter Erfolg innerhalb der jüngsten vier Rennen. Seine Form zum Saisonende ist eindrucksvoll. In Mexiko zeigte er, wie viel ein Fahrer aus einem Rennen machen kann, wenn er die Fehler anderer sofort erkennt und seine eigenen Möglichkeiten konsequent nutzt.

Hinter dem Podium rettete Leclerc trotz der angeschlagenen Reifen Platz vier vor Norris. Russell wurde Sechster, Piastri Siebter. Franco Colapinto holte als Achter wertvolle Punkte für Alpine, Liam Lawson arbeitete sich nach einem Start aus der Boxengasse bis auf Rang neun vor. Pierre Gasly komplettierte die Punkteränge und damit das gute Mannschaftsergebnis von Alpine.

Bortoleto wurde Elfter, Hadjar nach dem frühen Dreher Zwölfter. Ryō Hirakawa brachte bei seinem kurzfristig zustande gekommenen Formel-1-Renndebüt den Haas auf Platz 13 ins Ziel. Dahinter folgten Alexander Albon, Carlos Sainz, Nico Hülkenberg und Lokalmatador Sergio Pérez. Für Oliver Bearman endete das Rennen nach einer Kollision mit Hülkenberg, der dafür zehn Sekunden Strafe erhielt. Auch die beiden Aston Martin von Fernando Alonso und Lance Stroll schieden mit technischen Problemen aus. Zusammen mit Bottas und Lindblad standen damit fünf Ausfälle am Ende dieses turbulenten Nachmittags.

Die endgültige WM-Rechnung ließ anschließend keinen Spielraum mehr: Antonelli steht bei 380 Punkten, Verstappen ist mit 261 nun sein nächster Verfolger, Hamilton folgt mit 259. Der Vorsprung des neuen Champions beträgt 119 Punkte; in den vier noch vorgesehenen Grands Prix sind höchstens 100 zu gewinnen. Eine Saison, in der Antonelli bereits neun Rennen gewonnen hat, ist vorzeitig entschieden.

Wie vorbehaltlos Verstappen diese Leistung würdigte, gehörte zu den schönsten Seiten des Abends. Er erklärte, sehr stolz auf Antonelli zu sein, und hob hervor, wie beeindruckend ein solcher Erfolg in diesem Alter sei. Dass die Familie und das gesamte Team gemeinsam feiern konnten, freute ihn sichtbar. Der Rennsieger begnügte sich auch nicht mit einer Gratulation an den Fahrer: Er beglückwünschte dessen Familie ebenfalls.

Hamilton sagte nach dem Rennen: „Ich bin so dankbar, bei diesem Rennen dabei zu sein und das mitzuerleben.“

Für ihn besitzt Antonellis Erfolg eine besondere Nähe. Schon vor der Entscheidung hatte Hamilton daran erinnert, wie er den Italiener als kleinen Jungen hinten in der Mercedes-Garage erlebt hatte. Später übernahm dieser Junge seinen Platz in einem Team, für das Hamilton so viele Jahre gefahren war. Nun durfte er dessen ersten Titel aus nächster Nähe miterleben. Seine Bewunderung für Antonellis Entwicklung hatte er bereits vor dem Rennen offen ausgesprochen; auf dem Podium bekam sie mit der gemeinsamen Geste einen unübersehbaren Ausdruck.

So endet dieser wilde Grand Prix mit einer seltenen Einigkeit. Verstappen hat den Sieg verdient, Hamilton ihm alles abverlangt, Antonelli seine große Saison vollendet. Der neue Weltmeister steht zwischen zwei Fahrern, deren Rennen er als Kind verfolgt hat, und wird von ihnen gefeiert. Eben noch musste er bremsen, beschleunigen, abwägen und aufpassen. Jetzt darf er weinen. Die Arbeit dieses Sonntags ist getan. Und Kimi Antonelli ist Weltmeister.

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