Lewis Hamilton holt in Mexiko seine erste Grand-Prix-Poleposition für Ferrari – neun Tausendstelsekunden vor George Russell. Charles Leclerc, nach zwei Trainingsbestzeiten der große Favorit innerhalb der Scuderia, bleibt Rang drei. Während Kimi Antonelli seiner möglichen WM-Krönung entgegenfährt, sorgt Haas mit der überraschenden Ablösung Esteban Ocons für die brisanteste Personalentscheidung des Wochenendes.
Nico Steinbach
Neun Tausendstelsekunden können eine lange Wartezeit beenden. In Mexiko reichten sie Lewis Hamilton, um George Russell die Poleposition zu entreißen und einem Wochenende seine Unterschrift zu geben, das lange nach Charles Leclerc ausgesehen hatte. 1:16,514 Minuten standen am Ende neben Hamiltons Namen. Seine erste Grand-Prix-Pole für Ferrari, die 105. seiner Karriere, die erste seit Ungarn 2023. Ein Ergebnis von erheblicher sportlicher Bedeutung – und nach seinem schwierigen Freitag eine bemerkenswerte Wendung. In Hamilton, dem 7-fach-Champion, flackert immer noch das Licht eines Winners.

Russell fehlte mit 1:16,523 Minuten kaum mehr als ein Wimpernschlag. Leclerc wurde in 1:16,633 Minuten Dritter, Max Verstappen folgte mit 1:16,692, Kimi Antonelli mit 1:16,707 Minuten. Die ersten fünf lagen damit innerhalb von 193 Tausendstelsekunden. Das war kein Qualifying, in dem ein überlegenes Auto seinem Fahrer großzügige Reserven ließ. Es verlangte eine Runde, in der möglichst wenig verloren ging. Hamilton gelang sie im entscheidenden Moment.
Dabei hatte zunächst Leclerc den Maßstab gesetzt. Im ersten freien Training fuhr der Monegasse 1:18,128 Minuten und distanzierte Antonelli um beachtliche 659 Tausendstel. Frederik Vesti, der bei Mercedes George Russell vertrat, wurde Dritter, Hamilton Vierter. Ferrari vermittelte früh den Eindruck, auf dieser Strecke über ein ausgesprochen konkurrenzfähiges Auto zu verfügen.
Allerdings gehörte zur Einordnung dieser ersten Machtdemonstration auch die ungewöhnliche Besetzung des Feldes. Zehn Stammfahrer hatten ihre Cockpits für Nachwuchs- und Reservepiloten geräumt; Ferrari trat als einziges Team mit beiden regulären Fahrern an. Bei Red Bull übernahm Ayumu Iwasa Verstappens Auto und wurde Fünfter. Vesti wiederum blieb lediglich fünf Tausendstel vor Hamilton. Die Zeiten waren deshalb ein deutlicher Hinweis auf Leclercs Stärke, aber noch kein vollständiger Vergleich der Kräfteverhältnisse.
Am Nachmittag bestätigte Leclerc seine Form unter aussagekräftigeren Bedingungen. Wieder stand er ganz oben, diesmal mit 1:17,827 Minuten. Nur hatte die Konkurrenz den Abstand erheblich verkürzt: Lando Norris fehlten 103 Tausendstel, Russell 106, Antonelli 217 und Verstappen 311. Aus dem großen Vorsprung des ersten Trainings war ein enges Rennen geworden. Leclerc blieb der schnellste Mann des Tages, musste seine Bestzeit aber ebenfalls erarbeiten; Verbremser und Ausritte zeigten, wie wenig selbstverständlich eine saubere Runde auf der rutschigen Strecke war.

Hamilton erlebte zur selben Zeit die andere Seite des Ferrari-Wochenendes. Ein Leistungsverlust zwang ihn, das Auto abzustellen. Sein zweites Training endete vorzeitig, die geplante längere Rennsimulation entfiel, und in der Ergebnisliste blieb ihm lediglich Platz elf. Dass ausgerechnet er einen Tag später auf Pole stehen würde, ließ sich aus dieser Tabelle kaum ablesen. Hamilton selbst hatte allerdings schon am Freitag betont, dass sich das Auto schnell anfühle. Seine Platzierung beschrieb die Unterbrechung seines Programms besser als das tatsächliche Potenzial.
Der Freitag hinterließ außerdem eine Hypothek für Verstappen. Im zweiten Training gerieten der Niederländer und Liam Lawson im Stadionabschnitt aneinander. Verstappen ging vor Kurve zwölf vorbei, Lawson versuchte anschließend, wieder nach vorn zu kommen. Es folgte eine Berührung, bei der der Unterboden des Red Bull und der Frontflügel des Racing Bulls beschädigt wurden. Trümmer auf der Strecke machten eine Unterbrechung notwendig.
Die Sportkommissare belegten beide Fahrer mit einer Rückversetzung um jeweils einen Startplatz. Keiner von beiden befand sich zu Beginn des Zwischenfalls auf einer schnellen Runde: Verstappen bereitete einen Versuch vor, Lawson war auf einer Abkühlrunde unterwegs. Die unnötige Auseinandersetzung wirkte damit bis in die Startaufstellung hinein. Aus Verstappens viertem Qualifyingrang wird Platz fünf; Antonelli rückt auf Rang vier vor. Lawson fällt von acht auf neun zurück, wodurch Arvid Lindblad einen Platz gewinnt.
Schon das Abschlusstraining hatte gezeigt, dass Leclercs Vormachtstellung vom Freitag keine Garantie für den Samstag war. Norris fuhr in 1:17,600 Minuten Bestzeit, Antonelli lag lediglich eine Tausendstelsekunde dahinter. Leclerc wurde mit 117 Tausendsteln Rückstand Dritter, vor Oscar Piastri und Verstappen. Hamilton belegte Rang sechs, Russell Rang sieben.
Leclerc hatte seinen ersten Versuch auf weichen Reifen nach einem weiten Moment im mittleren Streckenteil abbrechen müssen. Hamilton kämpfte am Ausgang der letzten Kurve mit Übersteuern, Verstappen geriet in Kurve vier zu weit hinaus. Die schnellen Runden waren weiterhin empfindlich gegen kleine Fehler. Gleichzeitig verloren andere wertvolle Vorbereitungszeit: Gabriel Bortoleto konnte nach einem Problem am Antrieb keine gezeitete Runde setzen, Sergio Pérez blieb wegen eines vorsorglichen Antriebswechsels bei Cadillac ebenfalls ohne Zeit. McLaren ging dagegen mit Platz eins und vier aus der Generalprobe – eine Ausgangslage, die wenige Stunden später deutlich an Glanz verlieren sollte.
Im Qualifying meldete zunächst Hamilton seinen Anspruch an. Er setzte bereits in Q1 die Bestzeit. Q2 gehörte dann Norris, der mit 1:16,728 Minuten vor Verstappen und Leclerc lag. Damit hatten vor dem letzten Abschnitt mehrere Fahrer überzeugende Argumente für die Pole geliefert.

Für Piastri war der Kampf zu diesem Zeitpunkt bereits beendet. Der Australier schied auf Rang 13 aus, hinter Nico Hülkenberg und Franco Colapinto. Bortoleto wurde Vierzehnter, Oliver Bearman Fünfzehnter, Carlos Sainz Sechzehnter. Bereits in Q1 waren Alexander Albon, Fernando Alonso, Ryō Hirakawa, Lance Stroll, Pérez und Valtteri Bottas ausgeschieden. Alonso musste seine Teilnahme wegen eines vermuteten Problems mit dem Wasserdruck im Zusammenhang mit dem ERS-System vorzeitig beenden. Für Pérez blieb beim Heimspiel lediglich Rang 21.
Die Entscheidung an der Spitze fiel mit den letzten Versuchen. Russell verbesserte sich auf 1:16,523 Minuten und hielt damit vorübergehend die Poleposition. Hamilton fand noch jene neun Tausendstel, die aus einer starken Runde einen besonderen Karrieremoment machten.
Leclerc steigerte sich ebenfalls, verlor jedoch im mittleren Sektor Zeit und blieb Dritter. Seine Freitagsform hatte ihn zum naheliegenden Ferrari-Favoriten gemacht. Im Qualifying fehlte ihm schließlich die Vollständigkeit jener Runde, mit der Hamilton das Wochenende zu seinen Gunsten drehte. Von einem Einbruch konnte bei 119 Tausendsteln Rückstand keine Rede sein. Aber in diesem Feld reichte eine kleine Unvollkommenheit, um zwei Plätze zu verlieren.
Verstappen brachte seinen letzten Angriff ebenfalls nicht zu Ende: Ein Verbremser in Kurve 13 nahm ihm die Chance auf eine Verbesserung. Er blieb Vierter vor Antonelli. Norris konnte seine Q2-Zeit im Finale nicht wiederholen und wurde Sechster. Isack Hadjar, dessen erster Q3-Versuch durch einen Verbremser in Kurve 13 beeinträchtigt wurde, folgte auf Rang sieben. Lawson, Lindblad und Pierre Gasly komplettierten die ersten zehn.
Hamiltons Erfolg gewann gerade durch die Vorgeschichte an Gewicht. Im ersten Training hatte er mit Messvorrichtungen gearbeitet, im zweiten kostete ihn das technische Problem weitere Vorbereitung. Nach der Pole hob er die Arbeit am Setup und die Erkenntnisse aus dem vorangegangenen Rennen hervor. Seine Freude war entsprechend groß: Nach den Schwierigkeiten des Wochenendes sei er beinahe sprachlos, erklärte er. Die Überraschung bestand somit weniger darin, dass ein Ferrari die schnellste Runde fuhr. Überraschend war, welcher Ferrari sie fuhr – und wie wenig Hamilton dafür am Freitag hatte vorbereiten können.
Abseits dieses sportlichen Höhepunkts spielte sich bei Haas eine Geschichte ab, deren Tragweite noch nicht vollständig geklärt ist. Am Samstag gab das Team bekannt, dass Reservefahrer Ryō Hirakawa Esteban Ocon für den Rest des Mexiko-Wochenendes ersetzt. Die Mitteilung umfasst das dritte Training, das Qualifying und das Rennen. Einen Grund nannte Haas nicht; weitere Erklärungen kündigte der Rennstall zunächst ausdrücklich nicht an.
Damit ist Ocons Auswechslung für Mexiko bestätigt. Eine sofortige, endgültige Trennung für sämtliche verbleibenden Saisonrennen lässt sich aus dieser Erklärung hingegen nicht ableiten. Hirakawa, 32 Jahre alt, zweifacher Langstrecken-Weltmeister und Le-Mans-Sieger mit Toyota, steht dadurch vor seinem Formel-1-Renndebüt. Er hatte Ocons Wagen bereits im ersten Training übernommen – dieser Einsatz war jedoch regulär geplant gewesen.
Brisant wird der Vorgang durch das, was am Freitag vorausgegangen war. Ocon kehrte für das zweite Training ins Cockpit zurück, meldete zunächst Probleme mit der Servolenkung und beendete die Sitzung schließlich auf Platz 13. Während des Trainings kam es außerdem zu einer Auseinandersetzung am Funk mit seiner Renningenieurin Laura Mueller über die Reifenwahl für die Rennsimulation. Das Team wollte auf Medium wechseln, nachdem Bearmans Lauf auf Soft wenig überzeugend ausgefallen war. Ocon wollte seinerseits auf den weichen Reifen fahren und widersprach der Anweisung.
Nach dem Bericht von BBC-Korrespondent Andrew Benson erklärte ein Haas-Sprecher, dass eine Erkrankung nicht der Grund für Ocons Ablösung sei. Ob der Funkwechsel oder dessen Nachspiel zur Entscheidung geführt hatte, wollte das Team nicht kommentieren. Die zeitliche Abfolge ist somit belegt; ein bestätigter ursächlicher Zusammenhang liegt nicht vor. Die Ablösung als erwiesene Strafe für den Widerspruch am Funk darzustellen, würde über den bekannten Sachstand hinausgehen.
Ocons Abschied zum Saisonende stand bereits zuvor fest: Für 2027 hat Haas Ferrari-Junior Rafael Câmara verpflichtet. Die aktuelle Entscheidung trifft damit einen Fahrer, dessen Zukunft ohnehin außerhalb des Teams liegt. Autosport berichtete über eine mögliche Reservefahrerrolle bei Aston Martin. Eine bestätigte Verpflichtung ist das bislang nicht.
Hirakawa musste unterdessen aus einer kurzfristigen Gelegenheit möglichst viel machen. Sein erstes Formel-1-Qualifying beendete er auf Rang 19 in 1:18,958 Minuten; Verkehr beeinträchtigte nach Teamangaben seinen letzten schnellen Versuch. Bearman erreichte Q2, verlor dort aber eine Runde von 1:17,847 Minuten wegen Überschreitens der Streckenbegrenzung in Kurve zwölf. Gewertet wurden 1:18,083 Minuten und Platz 15. Bereits am Freitag hatte ein Antriebsschaden Bearman zum Wechsel auf eine ältere Spezifikation gezwungen. Haas beschäftigten an diesem Wochenende also zugleich personelle Unruhe und handfeste technische Schwierigkeiten.
Für den Rennsonntag bleibt vorne eine reizvolle Konstellation: Hamilton steht vor Russell, Leclerc unmittelbar dahinter, Antonelli profitiert von Verstappens Strafe. Der WM-Führende hat damit eine gute Ausgangsposition für sein großes Ziel, während Ferrari aus zwei Autos unter den ersten drei Kapital schlagen möchte.
Die Geschichte dieses Samstags gehört jedoch Hamilton. Leclerc hatte das Wochenende eröffnet, als könne es sein eigenes werden. Norris und Antonelli hatten im letzten Training die Abstände auf ein Minimum reduziert. Russell war im Finale bis auf neun Tausendstel an der Pole. Hamilton fand genau diesen Rest – und machte aus einem Wochenende voller verlorener Vorbereitung eine Rückkehr auf den ersten Startplatz.
