In Mexiko kann Kimi Antonelli am Sonntag zum jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte werden. Nach seiner überlegenen Vorstellung in Austin fehlt dem 20-jährigen Mercedes-Piloten nur noch ein neunter Platz. Doch hinter der scheinbaren Leichtigkeit dieses Aufstiegs stehen Jahre der Vorbereitung – und ein bemerkenswerter Umgang mit dem Druck.
Anne Keller
Toto Wolff beschäftigt sich bereits mit der Getränkewahl. Sollte Kimi Antonelli in Mexiko Weltmeister werden, kündigt der Mercedes-Teamchef eine Tequila-Feier an; andernfalls müsse man eben eine Woche später in Brasilien mit Caipirinha anstoßen. Es ist die scherzhafte Vorwegnahme eines Erfolgs, der sportlich noch aussteht, dessen Ausbleiben inzwischen aber eine außergewöhnliche Verkettung von Ereignissen verlangen würde. Antonelli reist mit 123 Punkten Vorsprung auf George Russell zum Grand Prix von Mexiko. Zwei weitere Punkte genügen ihm, um am Sonntag, dem 1. November, die größte Auszeichnung seines Sports zu gewinnen. Für einen Fahrer, der in Austin gerade seinen neunten Saisonsieg gefeiert hat, klingt das nach einer überschaubaren Aufgabe. Für einen 20-Jährigen bleibt es der bedeutendste Schritt seiner bisherigen Karriere.
Die internationalen Pressestimmen haben die Krönungsfeier längst eröffnet. Der „Corriere dello Sport“ spricht von „König Kimi“, der „Corriere della Sera“ betrachtet Austin als Generalprobe für den großen Triumph. Auch „Tuttosport“ sieht das Fest bereits in Vorbereitung. Hinter dieser Gewissheit steht mehr als die Begeisterung über einen besonders jungen Sieger: Italien wartet seit Alberto Ascaris Titel von 1953 auf einen weiteren eigenen Formel-1-Weltmeister. Antonelli könnte diese 73 Jahre beenden – und zugleich Sebastian Vettel als jüngsten Champion ablösen. Vettel war bei seinem ersten Titel 2010 bereits 23 Jahre alt. Antonelli würde die bisherige Altersmarke um mehr als drei Jahre unterbieten.
Dass ausgerechnet ein Mercedes-Pilot diese italienische Sehnsucht erfüllen könnte, verleiht der Geschichte eine besondere Note. Die nationale Begeisterung für einen Fahrer und die jahrzehntelange Identifikation mit Ferrari müssen plötzlich nebeneinander Platz finden. Wolff erinnerte nach Austin an die etwas ungewohnte Szenerie in Monza: italienische Hymne, jubelnde Tifosi, ein italienischer Sieger – im Mercedes-Overall. Antonelli hatte dort vom Ende der Startaufstellung gewonnen. In Texas gelang ihm nun eine andere Form der Überlegenheit: Er kontrollierte das Geschehen von vorn und machte aus einer strategisch anspruchsvollen Aufgabe einen bemerkenswert souveränen Erfolg.
Besonders eindrucksvoll war dieser Sieg auch deshalb, weil er sich zu Beginn des Wochenendes keineswegs angekündigt hatte. Ferrari hatte in Austin alle drei Trainings angeführt. Antonelli holte anschließend die Pole Position und gewann das Rennen mit einer Einstoppstrategie, während seine unmittelbaren Verfolger mehrfach die Reifen wechselten. Wolff bezeichnete den Auftritt als „die Fahrt eines Champions, der noch kein Champion ist“. Der Satz trifft die eigentümliche Zwischenposition, in der sich Antonelli vor Mexiko befindet: Die Leistungen eines Weltmeisters hat er längst erbracht, die rechnerische Bestätigung fehlt noch.
Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Antonelli den Eindruck vermittelt, er müsse die Nähe dieses Titels durch besondere Entschlossenheit demonstrieren. Nach seinem Sieg betonte er, seine Herangehensweise werde sich nicht ändern. Er wolle die Entscheidung mit einem starken Ergebnis herbeiführen und die verbleibenden Rennen genießen. Das klingt angesichts seines Vorsprungs vernünftig, ist aber keineswegs selbstverständlich. Wer kurz vor dem größten Erfolg steht, kann beginnen, jeden Bremspunkt als mögliche Gefahr und jeden Zweikampf als unnötiges Risiko wahrzunehmen. Antonelli hält dagegen am vertrauten Anspruch fest: ein gutes Wochenende aufbauen, schnell fahren, das vorhandene Potenzial nutzen. Er möchte den Titel gewinnen, ohne dafür seine Art des Rennfahrens grundlegend zu verändern.
Diese Gelassenheit sollte allerdings nicht mit Mühelosigkeit verwechselt werden. Wolff hat in den vergangenen Tagen ausdrücklich daran erinnert, wie viel Arbeit hinter Antonellis Aufstieg steckt. Das Mercedes-Nachwuchsprogramm um Gwen Lagrue entdeckte ihn als Elfjährigen. Es folgten Jahre der Förderung, der Zusammenarbeit mit Ingenieuren und der Vorbereitung auf immer größere Aufgaben. Wolff spricht von neun Jahren Entwicklung und Investitionen von zehn Millionen Euro oder mehr. Ebenso erinnert er an die Zweifel während Antonellis erster Formel-1-Saison, an ausbleibende Punkte und an jene Stimmen, die seine Beförderung für verfrüht hielten. Aus dieser Perspektive ist der bevorstehende Titel auch die Bestätigung einer langfristigen Personalentscheidung.
Antonellis Weg führte über Titel in der italienischen und der deutschen Formel 4 sowie in den Formel-Regional-Meisterschaften im Nahen Osten und in Europa. Mercedes ließ ihn anschließend die Formel 3 überspringen und direkt in die Formel 2 aufsteigen. Als Lewis Hamilton seinen Wechsel zu Ferrari ankündigte, wurde aus der sorgfältig aufgebauten Perspektive eine konkrete Gelegenheit. Der Platz neben Russell war frei, und Mercedes entschied sich für den eigenen Nachwuchs. Sollte Antonelli am Sonntag Weltmeister werden, hätte sich dieses Vertrauen bereits in seiner zweiten Formel-1-Saison auf die eindrucksvollste denkbare Weise ausgezahlt.
Für Mexiko ist die Ausgangslage eindeutig. Antonelli führt mit 365 Punkten vor Russell mit 242 und Hamilton mit 241. Nach dem Rennen bleiben vier Grands Prix und damit höchstens 100 weitere Punkte. Wird Antonelli Neunter, steigt sein Konto auf 367. Selbst ein siegreicher Russell käme erst auf 267 und könnte anschließend nur noch gleichziehen. Bei Punktgleichheit hätte Antonelli mit seinen neun Saisonsiegen den Vorteil; Russell könnte selbst mit Siegen in sämtlichen verbleibenden Rennen nur noch auf acht kommen. Ein zehnter Platz reicht Antonelli ebenfalls, sofern Russell nicht gewinnt. Bleibt er ganz ohne Punkte, wird er dennoch Weltmeister, wenn weder Russell noch Hamilton den Grand Prix für sich entscheidet. Nur ein Russell-Sieg bei höchstens einem Antonelli-Punkt oder ein Hamilton-Sieg bei einer Nullnummer des Italieners würde die Entscheidung nach Brasilien verschieben.

Die geringe rechnerische Hürde darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Mexiko eigene Schwierigkeiten bereithält. Das Autódromo Hermanos Rodríguez liegt mehr als 2200 Meter über dem Meeresspiegel. Die dünne Luft reduziert den aerodynamischen Abtrieb und den Luftwiderstand, erschwert aber zugleich die Kühlung von Antrieb und Bremsen. Die Teams müssen ihre Autos an Bedingungen anpassen, die sich deutlich von Austin unterscheiden. Gerade deshalb wäre es voreilig, Mercedes’ Überlegenheit vom vergangenen Sonntag einfach auf das nächste Rennen zu übertragen. Ein hervorragend funktionierendes Auto in Texas ist eine gute Grundlage, aber noch keine Garantie für ein problemloses Wochenende in Mexiko-Stadt.
Auch die Gegner werden sich kaum als Statisten einer vorab geplanten Feier verstehen. Verstappen ist zwar aus dem Titelrennen ausgeschieden, besitzt mit fünf Siegen aber eine außergewöhnliche Erfolgsbilanz auf dieser Strecke. Ferrari wiederum hat in Austin mit Leclercs zweitem und Hamiltons viertem Platz gezeigt, dass es sportlich weiterhin um mehr geht als Schadensbegrenzung. Hinter Antonelli liegen Russell, Hamilton, Verstappen und Leclerc in der WM innerhalb von nur neun Punkten. Während sich ganz vorn die Entscheidung abzeichnet, bleibt der Kampf um die Positionen dahinter offen. Ein Sieg in Mexiko hätte für diese Fahrer auch dann erheblichen Wert, wenn Antonelli weiter hinten die beiden noch benötigten Punkte einsammelt.
Gerade daraus könnte der Reiz dieses Sonntags entstehen: Das Rennen und die Weltmeisterschaft müssen nicht dieselbe Hauptfigur auf dem obersten Podest haben. Antonelli könnte Neunter werden und dennoch den größten Erfolg des Tages feiern. Nach seiner Vorstellung in Austin spricht jedoch vieles dafür, dass er sich damit nur im Bedarfsfall zufriedengeben würde. Sein erklärter Wunsch ist ein Abschluss mit einem starken Ergebnis. Die Krönung soll zu der Saison passen, die sie möglich gemacht hat.
Noch gehört der Titel niemandem. Doch Antonelli hat sich eine Ausgangslage erarbeitet, in der er weder auf Fehler seiner Gegner noch auf einen glücklichen Rennverlauf angewiesen ist. Er braucht zwei Punkte. Alles, was darüber hinausgeht, wäre bereits der erste Ausdruck jener Freiheit, die ein Weltmeister besitzt, wenn die entscheidende Rechnung endlich aufgegangen ist.
