Antonelli beherrscht den Grand Prix der USA und braucht in Mexiko nur noch zwei Punkte zum Weltmeistertitel. Verstappen rettet trotz einer misslungenen Reifenstrategie Platz drei, Leclerc bringt Ferrari auf Rang zwei. Für Hadjar endet ein Wochenende großer Hoffnungen mit einem ernüchternden sechsten Platz.
Von Nico Steinbach
Kimi Antonelli hat die Weltmeisterschaft in Austin noch nicht gewonnen. Aber er ist ein Rennen gefahren, das kaum Zweifel daran lässt, wem dieser Titel gebührt. Der 20-jährige Italiener kontrollierte den Grand Prix der USA am Sonntag mit einer Selbstverständlichkeit, die seine Gegner bald vor allem miteinander beschäftigte. Während hinter ihm Reifenstrategien auseinanderliefen, Positionen wechselten und technische Probleme den Funkverkehr bestimmten, brachte Antonelli seinen Mercedes mit einem einzigen Boxenstopp über die 56 Runden. Im Ziel lag er 13,078 Sekunden vor Charles Leclerc, dahinter folgten Max Verstappen und Lewis Hamilton. Sein neunter Saisonsieg war eine Demonstration von Geschwindigkeit, Übersicht und jener Geduld, die ein Fahrer braucht, wenn er seine Reifen länger am Leben halten muss als die Konkurrenz.

Der Grundstein dafür lag bereits im Start. Antonelli behauptete die Führung, während Leclerc hinter ihm an Verstappen vorbeizog. Der Niederländer antwortete noch in der ersten Runde und eroberte Platz zwei zurück; ihr Zweikampf verschaffte dem Mercedes jedoch früh etwas Luft. Hadjar, als Dritter gestartet, fiel hinter beide Ferrari auf Rang fünf zurück. Die erhoffte gemeinsame Attacke der beiden Red Bulls auf den Pole-Mann war damit schon in der Anfangsphase erheblich erschwert. Antonelli konnte seinen Rhythmus finden, ohne sich unmittelbar verteidigen zu müssen.
Seine Reifenwahl wurde zum entscheidenden Vorteil. Mercedes hatte ihn auf der gelb markierten Medium-Mischung ins Rennen geschickt, während Verstappen und die Ferrari auf den weicheren Softs begonnen hatten. Antonelli verband einen langen ersten Stint mit konkurrenzfähigen Rundenzeiten. Als die Gegner ihre ersten Stopps absolvierten, blieb er draußen. Erst in Runde 25 wechselte er auf die harte Mischung, mit der er bis ins Ziel fuhr. Der weiße Reifen funktionierte so gut, dass der vermeintliche Kompromiss aus Haltbarkeit und Tempo kaum noch als solcher erkennbar war. Mercedes hatte die passende Strategie gewählt; Antonelli lieferte die fahrerische Präzision, die sie zum Erfolg machte.
Gerade darin lag die Qualität seiner Supershow. Ein Rennen mit nur einem Stopp verlangt, den eigenen Ehrgeiz über weite Strecken zu dosieren. Zu viel Attacke kann die letzten Runden ruinieren, zu viel Schonung den Gegnern eine Gelegenheit eröffnen. Antonelli fand diese Balance. Auch die zwischenzeitlichen Verschiebungen durch die Boxenstopps änderten nichts an seiner Kontrolle. Das späte virtuelle Safety-Car nach dem Ausfall von Valtteri Bottas brachte ebenfalls keine Wende. Der Italiener gewann einen Grand Prix, dessen mögliche Schwierigkeiten er über weite Strecken erstaunlich klein aussehen ließ. Nach den Problemen mit dem jüngsten Entwicklungspaket war dieser Erfolg zugleich eine wichtige Bestätigung für die Arbeit bei Mercedes.
Verstappens Nachmittag war wesentlich mühsamer. Seine Strategie lässt sich tatsächlich mit drei Farben beschreiben: Rot–Rot–Gelb, also Soft–Soft–Medium. Red Bull holte ihn bereits in Runde 14 herein und montierte erneut weiche Reifen. Damit stand ein weiterer Stopp fest, denn bei einem trockenen Rennen müssen unterschiedliche Mischungen verwendet werden. Der Plan setzte darauf, mit dem zusätzlichen Tempo der Softs genügend Zeit herauszufahren. Gegen Antonellis Kombination aus Geschwindigkeit und Reifenhaltbarkeit ging diese Rechnung nicht auf. Beim zweiten Wechsel auf Medium verlor Verstappen zudem Zeit durch einen verzögerten Boxenstopp. Hinzu kamen Beschwerden über das Verhalten des Antriebs und die Motorbremse.
Die Reifenfolge erwies sich im Rennverlauf als Fehlgriff. Daraus folgt allerdings nicht, dass Verstappen mit einer anderen Strategie sicher gewonnen hätte. Dafür war Antonelli zu überzeugend. Red Bull verpasste vielmehr die Gelegenheit, seinem Fahrer einen weniger komplizierten Weg zu einem bestmöglichen Ergebnis zu eröffnen. Verstappen musste nach seinen Stopps wieder aufholen und kam im letzten Abschnitt mit älteren Medium-Reifen gegen Leclercs frischere harte Mischung unter Druck. Dass er trotz dieser Schwierigkeiten auf dem Podium blieb, spricht für seine Leistung. Dass ihm am Ende auch Platz zwei entglitt, zeigt die Grenzen dessen, was selbst er unter diesen Bedingungen ausrichten konnte. Die jüngste Aufwärtsbewegung des Niederländers hielt an; zum dritten Sieg in Folge reichte sie in Austin nicht.
Für Isack Hadjar war es ein Rennen der verlorenen Möglichkeiten. Auf den starken dritten Startplatz folgte Rang sechs, 34,373 Sekunden hinter Antonelli und knapp 17 Sekunden hinter Verstappen. Nach den Positionsverlusten am Beginn setzte Red Bull bei ihm auf eine andere Lösung als beim Teamkollegen: Hadjar verlängerte seinen ersten Stint auf Soft und wechselte anschließend auf Hard. Er kam damit mit einem einzigen Stopp aus. Als Verstappen nach dessen frühem Reifenwechsel aufschloss, hielt Hadjar ihn nicht auf. Später musste er Hamilton passieren lassen, der mit frischeren Reifen unterwegs war. Aus einer möglichen Podiumschance wurde ein solides Punkteergebnis, das angesichts seiner Ausgangsposition dennoch enttäuschen musste.
Ferrari darf Austin mit mehr Zuversicht verlassen, als es die verpasste Pole Position zunächst nahegelegt hatte. Leclerc bestätigte mit Rang zwei, dass das Tempo aus den Trainings auch über die Renndistanz Substanz besaß. Die Scuderia setzte bei ihm auf zwei Stopps und verschaffte ihm mit dem späten Wechsel auf harte Reifen einen wirksamen Vorteil für die Schlussphase. Zunächst rückte Norris ins Visier, dann Verstappen. Leclerc nutzte seine Möglichkeiten und holte sich den zweiten Platz. Es war ein energischer Abschluss eines Wochenendes, an dem Ferrari viel Geschwindigkeit gezeigt hatte, Antonellis Gesamtleistung aber letztlich nicht erreichen konnte.
Hamilton blieb als Vierter nur 1,030 Sekunden hinter Verstappen. Der Abstand lässt erkennen, wie nahe Ferrari einem Doppelpodium kam. Hamilton beklagte allerdings starkes Untersteuern in den ersten beiden Stints und damit eine Abstimmung, die ihn erneut Zeit kostete. Sein später Vorstoß machte einen Teil dieses Verlusts wett. Für Ferrari ergibt sich daraus ein durchaus hoffnungsvoller, aber noch unvollständiger Befund: Das Auto besitzt die Geschwindigkeit, um Red Bull unter Druck zu setzen. Die Konstanz über ein ganzes Wochenende und die passende Balance für beide Fahrer bleiben entscheidende Aufgaben. Drei Trainingsbestzeiten, ein zweiter und ein vierter Rennplatz sind ein gutes Ergebnis – für einen Sieg gegen Antonelli war mehr nötig.
Auch in der Weltmeisterschaft ist Ferrari gut positioniert, wenn auch längst nicht mehr auf Augenhöhe mit Mercedes. Hamilton liegt mit 241 Punkten nur noch einen Zähler hinter Russell, Leclerc mit 233 Punkten lediglich drei hinter Verstappen. Der Kampf um die Plätze hinter Antonelli ist damit eng. In der Konstrukteurswertung steht Ferrari bei 474 Punkten, Mercedes bei 607: ein Rückstand von 133 Zählern. Austin brachte der Scuderia 30 Punkte, Mercedes trotz des Sieges nur 29, weil Russell lediglich Achter wurde. Ferrari verkürzte also den Abstand – allerdings um einen einzigen Punkt.
Russells achter Platz und Hamiltons vierter Rang verhinderten die vorzeitige Titelentscheidung. Für Antonelli ist daraus aber eine erheblich einfachere Aufgabe geworden. Nach Austin führt er mit 365 Punkten, Russell hat 242, Hamilton 241. Verstappen steht bei 236 Punkten und kann den Italiener bei noch 125 zu vergebenden Punkten bereits rechnerisch nicht mehr einholen. Dasselbe gilt für Leclerc. Nur Russell und Hamilton halten die Entscheidung noch offen.
Für Mexiko am 1. November lautet die entscheidende Zahl deshalb zwei: Mit Platz neun oder besser wird Antonelli unabhängig von allen anderen Ergebnissen Weltmeister. Nach Mexiko bleiben vier Grands Prix und damit 100 Punkte. Antonelli muss Mexiko folglich mit mindestens 100 Punkten Vorsprung verlassen; bei einem späteren Gleichstand hätte er dank seiner bereits neun Saisonsiege den entscheidenden Vorteil. Wird er Neunter, kommt er auf 367 Punkte. Selbst bei einem Russell-Sieg stünde sein Teamkollege erst bei 267 – genau 100 Zähler dahinter. Auch Platz zehn kann reichen, sofern Russell nicht gewinnt: Antonelli hätte dann 366 Punkte und wäre selbst für einen siegreichen Hamilton, der auf 266 käme, nicht mehr zu verdrängen. Gewinnt keiner seiner beiden verbliebenen Rivalen, könnte der Italiener sogar ohne eigene Punkte feiern. Ein zweiter Platz brächte Russell höchstens auf 260 und Hamilton höchstens auf 259 Punkte. Beide lägen damit bereits uneinholbar zurück.
Nach Austin wirkt diese Titelrechnung beinahe bescheiden. Zwei Punkte fehlen einem Fahrer, der gerade gezeigt hat, wie souverän er 25 gewinnen kann. In Mexiko muss Antonelli keine weitere Supershow liefern. Aber sein Auftritt in Texas lässt vermuten, dass er sich mit der Rolle eines vorsichtigen Verwalters nur schwer zufriedengeben wird.
