Drei Trainingsbestzeiten hatten Ferrari zum Maßstab gemacht. Doch im Qualifying zum Grand Prix der USA setzte Kimi Antonelli die entscheidende Runde: Der WM-Führende startet vor Max Verstappen und Isack Hadjar. Ein Wochenende, das zunächst den Roten zu gehören schien, könnte nun zur Bühne seiner ersten Weltmeisterschaft werden.
Anne Keller
Eine Runde genügte, um die Geschichte dieses Wochenendes neu zu ordnen. Kimi Antonelli fuhr im entscheidenden Abschnitt des Qualifyings von Austin 1:34,035 Minuten – eine Zeit, an der sich anschließend auch Max Verstappen die Zähne ausbiss. Um 179 Tausendstelsekunden verpasste der Niederländer die Pole Position. Hinter ihm stellte Isack Hadjar den zweiten Red Bull auf Rang drei, während Ferrari nach drei Trainingsbestzeiten mit den Plätzen vier und fünf für Charles Leclerc und Lewis Hamilton vorliebnehmen musste. Antonelli hatte seine siebente Pole Position der Saison geholt, und das ausgerechnet an jenem Wochenende, an dem er erstmals Weltmeister werden kann.

Bemerkenswert war dabei weniger der knappe Abstand als der Verlauf dieser Qualifikation. In Q1 hatte Lando Norris die Bestzeit gesetzt, in Q2 Leclerc. Der Ferrari-Pilot war dort mit 1:34,198 Minuten sogar schneller gewesen als später in seinem entscheidenden Versuch. Antonelli dagegen steigerte sich genau dann, als es darauf ankam. Sein erster Angriff in Q3 blieb unerreicht. Beim zweiten Versuch lag er zwar nach den ersten beiden Sektoren noch auf Verbesserungskurs, verlor im letzten Streckenabschnitt jedoch den entscheidenden Schwung. Die Arbeit war da bereits erledigt.
Verstappen nahm Platz zwei mit einer gewissen Ratlosigkeit entgegen. Er hatte keinen gravierenden Fahrfehler ausgemacht und dennoch gespürt, dass sein Red Bull in einigen Kurven nicht mehr so satt auf der Strecke lag wie erhofft. Kleine Rutscher erschwerten das Beschleunigen; beim letzten Versuch kam stärkerer Wind hinzu. Nach den Pole Positions und Siegen in Malaysia und Singapur endete damit seine jüngste Erfolgsserie im Qualifying. Seine Konkurrenzfähigkeit endete keineswegs: Auch in Austin gehörte Verstappen von Beginn an zu den verlässlichsten Größen an der Spitze. Für das Rennen verwies er auf Reifenpflege und eine stabile Fahrzeugbalance – zwei Aufgaben, die über die Distanz mehr wiegen können als die fehlenden Tausendstel am Samstag.
Wie eng das Feld tatsächlich beisammenlag, zeigte Hadjar. Lediglich 36 Tausendstelsekunden trennten ihn von Verstappen, weitere 17 Tausendstel dahinter folgte Leclerc. Für Red Bull eröffnet die Besetzung der Plätze zwei und drei eine aussichtsreiche Ausgangslage: Antonelli wird beim Start und bei der Strategie gleich zwei unmittelbare Gegner berücksichtigen müssen. Hamilton komplettierte die ersten fünf, George Russell blieb im zweiten Mercedes Sechster. Die McLaren von Oscar Piastri und Norris kamen auf die Plätze sieben und acht.

Dabei hatte sich das Wochenende zunächst in eine andere Richtung entwickelt. Ferrari brachte Weiterentwicklungen nach Texas, und Leclerc setzte sie am Freitag auf Anhieb in schnelle Runden um. Im ersten freien Training führte er mit 1:36,052 Minuten vor Verstappen und Norris. Der Abstand zum Red Bull betrug allerdings nur 84 Tausendstel. Mehr noch: Verstappen war zwischenzeitlich bereits eine schnellere Runde gefahren, verlor diese jedoch wegen einer Überschreitung der Streckenbegrenzung in Kurve 19. Schon die erste Stunde enthielt damit den Hinweis, dass Ferraris Spitzenposition keine komfortable Überlegenheit bedeutete. Russell und Antonelli folgten auf den Rängen vier und fünf, Hamilton wurde Sechster.
Am Freitagnachmittag bestätigte Leclerc seine Form mit einer zweiten Bestzeit. Diesmal standen 1:35,291 Minuten zu Buche. Hinter ihm rückte Antonelli bis auf 42 Tausendstel heran, Verstappen blieb als Dritter ebenfalls in unmittelbarer Reichweite. Hamilton und Russell komplettierten die ersten fünf. Die Sitzung verlief allerdings unruhiger, als diese Rangfolge vermuten lässt. Mehrere Fahrer verloren Runden wegen der Streckenbegrenzungen, Norris kämpfte mit Übersteuern und Verbremsern, Hadjar mit dem Verhalten seines Autos. Auch ein Zwischenfall zwischen Russell und Leclerc beschäftigte die Rennkommissare, blieb letztlich aber ohne weitere Maßnahmen.
Bei Mercedes war der Fortschritt zwischen den beiden Freitagssitzungen besonders aufschlussreich. Das bereits in Malaysia eingeführte Entwicklungspaket hatte zunächst nicht die erhoffte Wirkung entfaltet. In Singapur war Russell deshalb noch mit der älteren Ausführung gefahren. In Austin verfügten beide Piloten wieder über denselben Stand, was die Vergleichsarbeit erleichterte. Antonelli erklärte, die Pause seit Singapur habe geholfen, die Daten auszuwerten und die Anforderungen des Pakets besser zu verstehen. Aus dem fünften Platz am Freitagmittag wurde Rang zwei am Nachmittag – und schließlich die Pole Position am Samstag. Hinter diesem Sprung stand eine nachvollziehbare technische Entwicklung.
Ferrari blieb zunächst dennoch vorn. Im dritten freien Training übernahm Hamilton mit 1:34,893 Minuten die Führung, gefolgt von Verstappen und Leclerc. Damit hatten die Italiener alle drei Trainings gewonnen. Leclerc hätte sogar erneut ganz oben stehen können, doch seine schnellste Runde wurde gestrichen. Auch Antonelli verlor eine Zeit wegen einer Überschreitung der Streckenbegrenzung und wurde Vierter vor Russell. Nico Hülkenberg setzte im Audi mit Platz sieben ein beachtliches Zeichen. Die Vielzahl gestrichener Runden zog sich inzwischen wie ein roter Faden durch das Wochenende: Allein im zweiten Training waren es nach Angaben der Formel 1 insgesamt 128 gewesen.
Leclerc hatte schon am Freitag davor gewarnt, aus den Trainingszeiten zu große Erwartungen abzuleiten. Die Verbesserungen funktionierten zwar wie erhofft, doch bei Antonelli und Verstappen vermutete er zusätzliche Reserven. Hamilton wiederum hatte zunächst mit der Abstimmung und dem Verhalten seines Ferrari auf den Bodenwellen gerungen. Seine Bestzeit am Samstag zeigte, dass auch auf seiner Seite Fortschritte möglich waren. Umso ernüchternder fiel das Qualifying aus: Ferrari hatte über drei Sitzungen hinweg Tempo demonstriert, konnte daraus aber keinen Platz in der ersten Startreihe machen. Leclercs eigene Warnung erwies sich als treffender als jede vorschnelle Favoritenrolle.
Neben dieser sportlichen Entwicklung beschäftigten das Fahrerlager in den zwei Wochen seit Singapur erneut die Spekulationen über Christian Horners Zukunft. Besonders die Verbindung zu Ferrari erhielt durch seine jüngsten Interviews neue Aufmerksamkeit. Daraus einen bevorstehenden Wechsel abzuleiten, wäre allerdings verfrüht. Gegenüber talkSPORT erläuterte der frühere Red-Bull-Teamchef, dass ihn bei einer Rückkehr vor allem die Möglichkeit einer Beteiligung an einem Rennstall interessiere. Gerade diese Voraussetzung mache Ferrari zu einer unwahrscheinlichen Option. Ob und in welcher Funktion Horner überhaupt zurückkehrt, blieb offen.
Ernster als die Personalgerüchte war die Debatte über das Saisonende im Nahen Osten. Carlos Sainz äußerte vor dem Austin-Wochenende Zweifel daran, schon jetzt mit Sicherheit von Rennen in Katar und Abu Dhabi ausgehen zu können. Angesichts der regionalen Sicherheitslage hielt er eine solche Festlegung für verfrüht. Formel 1 und FIA hielten dagegen an den vorgesehenen Veranstaltungen fest. Damit stand eine Sorge aus dem Fahrerlager im Raum, keine beschlossene Kalenderänderung.
In Austin selbst verdichtet sich nun alles auf Antonellis erste Titelchance. Er muss den Grand Prix gewinnen; zugleich darf Russell höchstens Neunter und Hamilton höchstens Fünfter werden. Die Startaufstellung erfüllt diese Voraussetzungen noch nicht: Hamilton steht zwar auf dem entsprechenden Platz, Russell aber drei Positionen zu weit vorn. Mercedes hat zudem ausdrücklich klargemacht, dass ein schwaches Ergebnis des zweiten Autos kein erstrebenswertes Mittel zur vorzeitigen Entscheidung ist.
Vor jeder Rechnung steht deshalb ein Rennen, dessen schwierigste Aufgabe für Antonelli unmittelbar neben ihm beginnt. Verstappen startet aus der ersten Reihe, Hadjar direkt dahinter, und Ferrari hat genügend Geschwindigkeit gezeigt, um sich mit seiner Ausgangslage kaum zufriedenzugeben. Antonelli hat den Samstag für sich entschieden. Ob daraus ein historischer Sonntag wird, hängt zunächst davon ab, ob er den wiedererstarkten Verstappen über eine ganze Renndistanz hinter sich halten kann.

