Verstappen ist wieder Verstappen

Mit seinem ersten Grand-Prix-Sieg in Singapur vollendet Max Verstappen ein makelloses Rennwochenende und bestätigt seine Rückkehr zur alten Stärke. Charles Leclerc fordert ihn, Kimi Antonelli nutzt Platz drei für den nächsten großen Schritt zum Titel. Schon in Texas könnte der Italiener Weltmeister werden.

Matthias Greuling

250 Grands Prix, 73 Siege – und doch blieb für Max Verstappen bis zu diesem Sonntag eine auffällige Lücke. Singapur, diese schweißtreibende Prüfung zwischen Betonmauern und Flutlichtmasten, hatte sich dem vierfachen Weltmeister jahrelang widersetzt. Nun gewann er auch hier. Nach 62 Runden lag Charles Leclerc 7,335 Sekunden zurück, Kimi Antonelli bereits 24,573 Sekunden. Eine Woche nach seinem Erfolg in Sepang holte Verstappen den zweiten Grand-Prix-Sieg dieser Saison. Vor allem aber gewann er wieder mit jener Selbstverständlichkeit, die seine Gegner so gut kennen: Sobald die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, bestimmte er das Rennen.

Max Verstappen (3.v.l.), Charles Leclerc (1.v.l.) und Andrea Kimi Antonelli (1.v.r.) mit Gianpiero Lambiase, Head of Racing bei Oracle Red Bull Racing auf dem Podium in Singapur. Foto: Simon Galloway/LAT Images

Dass diese Souveränität zurück ist, lässt sich an der gesamten Bilanz des Wochenendes ablesen. Schnellster in der Sprint-Qualifikation, Sieger des Sprints, Poleposition für den Grand Prix, schließlich der Triumph am Sonntag: Verstappen ließ der Konkurrenz in den entscheidenden Sessions keinen ersten Platz. Der Aufschwung von Red Bull hat damit auf zwei sehr unterschiedlichen Strecken Bestand. In den schnellen Kurven von Sepang funktionierte das Auto ebenso wie zwischen den langsamen Ecken von Marina Bay. Das macht diesen Erfolg besonders wertvoll. Er lässt sich kaum noch als glückliches Zusammentreffen günstiger Umstände abtun.

Verstappen beschrieb die Veränderung nach dem Rennen recht nüchtern. Der Wagen sei berechenbarer geworden und lasse sich besser fahren; gerade diese Eigenschaften habe er gebraucht, um wieder ganz vorn mitzumischen. Seit Baku fühle sich die Balance deutlich besser an. Zu Saisonbeginn, räumte er ein, sei das Auto mitunter geradezu beängstigend zu fahren gewesen. Der Unterschied war in Singapur sichtbar: Verstappen konnte die Reifen einteilen und sein Tempo dosieren, statt ständig die Eigenheiten des Red Bull ausgleichen zu müssen.

Leclerc bekommt seine Chance – und Verstappen schließt die Tür

Ganz so mühelos, wie das Ergebnis vermuten lässt, begann der Sonntag allerdings nicht. Leclerc erwischte den besseren Start und setzte sich links neben den Red Bull. Verstappen verteidigte entschlossen, verengte den verfügbaren Raum und behielt die Führung. Der Ferrari blieb zunächst dicht dahinter. In dieser frühen Phase hatte Verstappen zudem Schwierigkeiten mit der elektrischen Leistungsabgabe; Leclerc kam einer Attacke in Kurve sieben nahe. Als Red Bull das Problem im Griff hatte, wurde aus dem unmittelbaren Duell allmählich eine Verfolgung mit wachsendem Abstand.

Später kam noch der streikende Funk hinzu. Renningenieur Gianpiero Lambiase konnte seinen Fahrer zeitweise kaum verstehen, das Team musste sich mit vereinfachter Kommunikation und der Boxentafel behelfen. Verstappen ließ sich davon nicht aus dem Rhythmus bringen. Auch beim Wechsel von den weichen auf die mittelharten Reifen blieb er in Führung. Die technische Unvollkommenheit dieses Rennens unterstreicht seine Leistung: Im Cockpit war durchaus einiges zu bewältigen, auf der Strecke war davon zunehmend wenig zu sehen.

Leclerc blieb der ernsthafteste Gegner. Ferrari versuchte, mit einer anderen Strategie doch noch eine Gelegenheit zu schaffen. Als Lance Stroll seinen Aston Martin abstellen musste und ein virtuelles Safety-Car ausgerufen wurde, holte sich der Monegasse einen weiteren Satz frischer Reifen. Damit überholte er später Hamilton und verringerte den Rückstand auf Verstappen. Für einen Angriff auf den Sieg reichte es nicht mehr. Sein zweiter Platz war dennoch ein überzeugendes Ergebnis an einem Wochenende, an dem Ferrari wieder näher an der Spitze lag.

Leclerc war entsprechend zufrieden, ohne den zweiten Rang größer zu machen, als er war. Ferrari habe alles herausgeholt und die richtigen strategischen Entscheidungen getroffen, erklärte er. Verstappen und Red Bull seien über das gesamte Wochenende sehr stark gewesen. Für Austin richtet sich sein Blick bereits auf die nächsten technischen Entwicklungen: Welche Mannschaft dort Fortschritte bringt, könnte die Reihenfolge für den verbleibenden Saisonabschnitt nochmals verändern.

Antonelli greift zu

Für Antonelli entwickelte sich der Abend erst spät zum besonders lohnenden Geschäft. Lange fuhr der WM-Führende im Verkehr, kämpfte mit der Hitze und hatte Probleme mit den Bremsen. Als Hamilton und Norris um den letzten Podestplatz rangen, nutzte er die Gelegenheit: Zunächst ging er am McLaren vorbei, wenig später nahm er Hamilton auch Rang drei ab. Es war jener entschlossene Zugriff, der einen schwierigen Nachmittag in ein starkes Resultat verwandeln kann.

Hamilton hatte sich mit seiner Reifenstrategie in eine zunehmend aussichtslose Lage gebracht. Unter dem virtuellen Safety-Car verpasste er zunächst die Boxeneinfahrt und entschied anschließend, draußen zu bleiben. Die Hoffnung, seine Position bis ins Ziel zu verteidigen, erfüllte sich nicht. Nach Antonelli überholten ihn auch Norris und schließlich Piastri. Hamilton wurde Sechster und übernahm ausdrücklich die Verantwortung für seine Entscheidungen. Hinter ihm punkteten Liam Lawson, Nico Hülkenberg, George Russell und Isack Hadjar.

Gerade Russells neunter Platz machte Antonellis Podium für die Weltmeisterschaft so bedeutend. Nach dem Ausfall im Sprint und der Rückversetzung wegen zusätzlicher Antriebskomponenten konnte der Brite den Schaden am Sonntag nur begrenzen. Antonelli reist nun mit 340 Punkten nach Texas, Russell mit 238. Hamilton folgt mit 229, Verstappen mit 221 und Leclerc mit 215 Punkten. Der Vorsprung des Italieners auf seinen Teamkollegen beträgt damit bereits 102 Zähler.

So kann Texas zur Krönung werden – Die Spekulationen

Beim Grand Prix der USA am 25. Oktober in Austin bekommt Antonelli seinen ersten Matchball. Nach dem derzeitigen Kalender stehen danach noch fünf Grands Prix aus: Mexiko, Brasilien, Las Vegas, Katar und Abu Dhabi. Weitere Sprints gibt es in dieser Saison nicht mehr. Nach Texas bleiben somit höchstens 125 Punkte zu gewinnen.

Die entscheidende Kombination lautet: Antonelli muss in Austin gewinnen, Russell darf höchstens Neunter und Hamilton höchstens Fünfter werden. Mit einem Sieg käme Antonelli auf 365 Punkte. Russell hätte als Neunter 240 und damit genau 125 Punkte Rückstand. Er könnte anschließend zwar rechnerisch noch gleichziehen, würde aber bei der Zahl der Grand-Prix-Siege verlieren: Antonelli hätte dann neun, Russell könnte mit fünf weiteren Erfolgen nur noch auf acht kommen. Hamilton wiederum hätte als Fünfter 239 Punkte und wäre bereits um 126 Zähler distanziert.

Auch Verstappen könnte eine solche Krönung mit einem zweiten Platz nicht verhindern. Seine dann 239 Punkte lägen ebenfalls 126 unter Antonellis Stand. Leclerc und Norris wären bei einem Sieg des Italieners ebenso aus dem Titelrennen. Ein zweiter Platz Antonellis würde dagegen unter dem aktuellen Kalender nicht reichen: Selbst wenn Russell leer ausginge, wüchse der Abstand nur auf 120 Punkte.

Damit reist die Formel 1 mit einer reizvollen Konstellation nach Texas. Antonelli könnte dort mit 20 Jahren zum jüngsten Weltmeister der Geschichte werden. Verstappen kommt gerade wieder in jene Form, die einen solchen Festtag zumindest aufschieben kann. Singapur hat gezeigt, wie viel von seiner alten Überlegenheit zurückgekehrt ist. Um Antonellis Titelgewinn in Austin aus eigener Kraft zu verhindern, hätte er eine denkbar passende Möglichkeit: selbst wieder zu gewinnen.

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