Verstappen nimmt Singapur in Besitz

Erst die Pole für den Sprint, dann der Sieg im Regen, schließlich die erste Grand-Prix-Pole (und seine insgesamt 50.) in Marina Bay: Max Verstappen gehörte der Samstag in Singapur. Doch die perfekte Bilanz begann mit einem schwachen Start und blieb auch im Qualifying nicht ohne bange Momente.

Nico Steinbach

Singapur machte es den Fahrern nicht leicht, noch ehe der Sprint begonnen hatte. Kurz vor dem Start ging über Marina Bay heftiger Regen nieder. Wasser stand besonders in den Kurven zwei und drei, die Rennleitung verschob den Beginn um eine halbe Stunde. Zwei Runden hinter dem Safety-Car, Intermediate-Reifen für das gesamte Feld: Der erste Sprint auf dem Stadtkurs begann unter Bedingungen, die jede saubere Vorhersage zunichtemachten.

Verstappen war von der Pole aus losgefahren – am Freitag hatte er sich in der Sprint-Qualifikation mit 1:31,156 Minuten knapp vor George Russell und Charles Leclerc gesetzt. Am Samstag aber kam der Red Bull erneut schlecht weg. Russell erwischte den besseren Start und zog in Kurve eins vorbei. Auch Lewis Hamilton gewann Boden: Vom sechsten Startplatz arbeitete er sich auf Rang drei vor, hinter Russell und Verstappen.

Wieder einmal Pechvogel: George Russell in Singapur. Foto: Mercedes

Die Führung des Mercedes hielt nur bis zum Ende der ersten Runde. Beim Ausgang der letzten Kurve verlor Russell über dem Randstein die Kontrolle und schlug in die Innenbarriere ein. Verstappen musste nicht überholen; der Ausfall seines Konkurrenten reichte, um ihn wieder an die Spitze zu bringen. Er übernahm die Führung in einem Moment, in dem rund um ihn das Rennen auseinanderzufallen begann: Lance Stroll und Sergio Pérez kollidierten, Isack Hadjar schied mit einem technischen Problem aus. Das Safety-Car führte das Feld durch die ersten fünf Runden.

Beim Neustart blieb Verstappen vorn, Hamilton dicht genug dahinter, um Druck aufzubauen. Die Strecke trocknete allmählich ab, doch niemand wagte den Wechsel auf Slicks. Die Intermediate-Reifen bauten ab, und gerade für Verstappen wurde daraus eine Frage der Kontrolle: Wie viel Tempo ließ sich fahren, ohne die Reifen zu überfordern oder Hamilton eine Gelegenheit zu öffnen? Zunächst blieb der Abstand klein. Dann setzte sich der Niederländer ab. Aus wenigen Zehnteln wurden im Verlauf des Rennens mehrere Sekunden.

Während Verstappen seinen Vorsprung verwaltete, zerfiel das Feld weiter. Auf der letzten Runde versuchte Lando Norris, seinen McLaren-Teamkollegen Oscar Piastri zu überholen. Die beiden berührten sich und drehten sich. Norris fiel auf Rang acht zurück, Piastri kam nicht mehr ins Ziel und wurde als Vierzehnter gewertet. Kimi Antonelli erbte dadurch Rang vier; Hamilton und Leclerc komplettierten hinter Verstappen das Podium. Der Weltmeister gewann mit 2,591 Sekunden Vorsprung auf Hamilton. Es war sein erster Sieg in Marina Bay – und ein Erfolg, der weniger aus einem makellosen Start als aus der Fähigkeit entstand, nach dem frühen Rückschlag das Rennen zu beruhigen.

Verstappen selbst verschwieg den schwachen Start nicht. Er sei erneut „schrecklich“ gewesen, sagte er nach dem Sprint, und das müsse sich ändern: Bei einem trockenen Grand Prix könne ein ähnlicher Start die ganze Arbeit zunichtemachen. Im Regen hatte ihm Russells Unfall die Führung zurückgegeben. Danach, sagte Verstappen, sei es darum gegangen, Ruhe zu bewahren und das Rennen nach Hause zu bringen. Der Sieg war also auch eine Warnung an den eigenen Rennstall: Das Tempo stimmte, der Start noch nicht.

Ferrari führt, Verstappen antwortet

Am Nachmittag wartete die Qualifikation für den Grand Prix. Ferrari bestimmte zunächst das Geschehen. Hamilton führte nach den ersten beiden Abschnitten, Leclerc hielt sich ebenfalls an der Spitze. Verstappen dagegen kämpfte in SQ2 – nunmehr Q2 der Grand-Prix-Qualifikation – mit auffällig schlechten Gangwechseln. Er lag zunächst mehr als eine halbe Sekunde hinter Hamilton und meldete am Funk Schwierigkeiten beim Schalten.

Dass daraus keine entscheidende Schwäche wurde, zeigte der letzte Abschnitt. Verstappen setzte seine erste schnelle Runde in Q3: 1:31,373 Minuten. Hamilton kam auf 1:31,496, Leclerc zunächst auf 1:31,661. Die Ferrari-Fahrer hatten noch einen Versuch. Leclerc nutzte ihn, verbesserte sich auf 1:31,427 und schob sich bis auf 54 Tausendstelsekunden an Verstappen heran. Für die Pole reichte es nicht. Hamilton wurde Dritter, Kimi Antonelli Vierter.

Entscheidend war, dass Verstappen seine erste Runde nicht mehr verbessern musste. Die Ferrari konnten den Rückstand verkürzen, aber nicht schließen. Es war Verstappens 50. Poleposition in der Formel 1 – und seine erste für den Grand Prix von Singapur. Im Sprint hatte er die Pole bereits geholt; nun sicherte er sich auch den besten Startplatz für den großen Preis. Der Samstag hatte damit eine klare Hauptfigur, aber keine unangefochtene: Ferrari war über weite Strecken schnell genug, um Verstappen ernsthaft herauszufordern.

Gut gemacht: Hamilton (l.) und Leclerc gratulieren einander. Foto: Ferrari

Hinter dem Niederländer starten Leclerc und Hamilton aus der ersten Reihe beziehungsweise direkt dahinter. Antonelli steht auf Rang vier, Norris auf fünf. Russell fuhr zwar die sechstschnellste Zeit, muss wegen eines Motorwechsels aber vom Ende des Feldes starten. Ein bitterer Abschluss eines Tages, der für ihn mit der Sprintführung begonnen und nach dem Unfall in der letzten Kurve der ersten Runde geendet hatte.

Für Verstappen bleibt die Ausgangslage dennoch anspruchsvoll. Sein Sprint zeigte, dass ein schlechter Start in Singapur sofort bestraft werden kann; sein Qualifying, dass er selbst dann die entscheidende Runde findet, wenn das Auto nicht in jedem Moment gehorcht. Der Sprint-Sieg war eine Prüfung der Nerven, die Pole eine der Präzision. Marina Bay hat Verstappen an diesem Samstag beides abverlangt.

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