George Russell war im einzigen Training in Singapur der Schnellste. In der Sprint-Qualifikation fehlten ihm am Ende zwölf Hundertstelsekunden auf Max Verstappen. Dazwischen stand bei Mercedes ein ungewöhnlicher Vergleich zweier Entwicklungsstände – und eine rote Flagge, die den Abend in Singapur zusätzlich verdichtete.
Anna Keller
Ein Freitag in Singapur lässt wenig Raum zum Ankommen. Im Sprintformat bleibt den Teams nur eine Trainingsstunde, um sich auf einen Kurs einzustellen, der sich mit jeder Runde verändert. Der Asphalt war zunächst staubig, der Grip entsprechend überschaubar. Wer sein Auto abstimmen wollte, musste schnell lernen.

George Russell kam am besten durch diese knappe erste Standortbestimmung. Mit 1:32,274 Minuten fuhr er die Bestzeit, knapp vor Charles Leclerc und Lando Norris. Auch Lewis Hamilton und Oscar Piastri lagen weniger als sechs Zehntelsekunden zurück. Die Abstände waren klein; ein belastbares Kräfteverhältnis ergab sich daraus noch nicht. Dafür war die Zeit auf der Strecke zu kurz – und der Kurs zu sehr im Wandel.
Bei Mercedes hatte das Training zudem eine zweite Aufgabe. Nach Schwierigkeiten mit dem jüngsten Upgrade in Malaysia fuhr Russell mit der älteren Ausbaustufe, während Teamkollege Andrea Kimi Antonelli die neue Version behielt. Das Ergebnis fiel auf den ersten Blick deutlich aus: Russell vorn, Antonelli auf Rang sieben. Der junge Italiener beschrieb das Auto als schwierig und unberechenbar; eine Runde sauber zusammenzubringen, sei ihm nicht leichtgefallen.

Das ist ein Hinweis, aber noch kein abschließendes Urteil über das Upgrade. Eine einzelne Trainingsstunde auf einem Stadtkurs liefert dafür zu wenig. Immerhin bekam Mercedes in Singapur einen direkten Vergleich – unter Bedingungen, in denen wenig Zeit für Korrekturen blieb.
Eine rote Flagge, ein enger Kampf
In der Sprint-Qualifikation wurde aus der knappen Trainingsvorbereitung ein noch engeres Zeitspiel. Sergio Pérez schlug in SQ1 in Kurve fünf an und beschädigte seinen Frontflügel. Die rote Flagge unterbrach die Session; den Fahrern blieb danach wenig Spielraum, um ihre Runden zu setzen. Auch die Weitergabe der Rundenzeiten verzögerte den Beginn von SQ2. Die Rennleitung erklärte später, dass die angezeigten Zeiten korrekt waren.

Ein weiterer Zwischenfall betraf den Überholmodus: In SQ1 war er nach der Unterbrechung zunächst nicht verfügbar, wurde kurz aktiviert und wieder abgeschaltet. Die FIA sprach von einem menschlichen Fehler in der Rennleitung. SQ2 und SQ3 blieben davon unberührt. Das war ein organisatorisches Problem in einer ohnehin gedrängten Session – kein Hinweis auf einen Softwarefehler.
Im entscheidenden dritten Abschnitt schien zunächst Leclerc die beste Ausgangslage zu haben. Dann setzte Verstappen seine Runde: 1:31,156 Minuten. Russell kam bis auf 0,120 Sekunden heran, Leclerc blieb weitere 0,123 Sekunden zurück. Oscar Piastri und Norris folgten, ebenfalls in Schlagdistanz. Die ersten vier trennten am Ende weniger als drei Zehntelsekunden.
Für Verstappen war es die erste Sprint-Pole in Singapur. Seine Runde entstand, als der Red Bull auf den weichen Reifen offenbar besser zum Leben erwachte. Ganz frei von Fragezeichen war sie dennoch nicht: Nach dem Pérez-Unfall geriet Verstappen unter gelber Flagge an Hamilton vorbei. Die Stewards sahen darin einen Regelverstoß, verzichteten aber auf eine Strafe, weil Verstappen deutlich verzögert hatte und die Situation auch durch Hamiltons langsameres Tempo geprägt war. Die Pole blieb bestehen.
Russell hatte also das Training gewonnen und die Sprint-Qualifikation beinahe auch. Mercedes’ Vergleich der beiden Autoversionen brachte eine erste Orientierung, aber keine endgültige Antwort. Für den Sprint steht nun ein enges Feld bereit – mit Verstappen vorn, Russell direkt dahinter und den Ferrari- und McLaren-Fahrern in Reichweite. Antonelli startet von Rang sieben. Das Training hat die Fragen für Singapur eingegrenzt; die Antworten muss der Sprint liefern.

