Max ist wieder da: Verstappen erobert die Pole in Sepang

Neun Jahre nach dem letzten Formel-1-Rennen in Malaysia kehrt Max Verstappen ausgerechnet in Sepang endgültig ins Rampenlicht zurück. Der vierfache Weltmeister holt seine erste Pole Position der Saison – und schlägt Lewis Hamilton sowie WM-Leader Kimi Antonelli. Nach Platz zwei in Madrid und dem hauchdünn verpassten Sieg in Baku verdichtet sich damit der Eindruck: Red Bull ist wieder konkurrenzfähig, und Verstappen könnte im letzten Saisondrittel zum Mann werden, der den WM-Kampf entscheidend beeinflusst.

Matthias Greuling

Max Verstappen und Sepang – da war doch etwas. Als die Formel 1 2017 zum bislang letzten Mal in Malaysia gastierte, gewann ein damals 20-jähriger Niederländer im Red Bull. Neun Jahre, vier Weltmeistertitel und sehr viele Siege später ist Verstappen zurück. Und wieder steht er im Zentrum. Mit 1:35,130 Minuten sicherte er sich die Pole für den Großen Preis, der aufgrund der außergewöhnlichen Umstände offiziell als „Bahrain Grand Prix in Malaysia“ ausgetragen wird. Es ist Verstappens erste Pole der gesamten Saison 2026 – und zugleich die erste Pole des Jahres für ein Auto ohne Mercedes-Motor.

Verstappen auf der Eins, Hamilton zweiter, Hadjar dritter – muss aber von Platz 8 starten. Foto: RedbullContentPool

Schon deshalb ist dieser Samstag mehr als eine Momentaufnahme. Verstappens Saison verlief bislang ungewohnt wechselhaft. Red Bull hatte über weite Strecken nicht jenes Auto, mit dem der Niederländer in den vergangenen Jahren die Formel 1 beherrscht hatte. Doch zuletzt verschoben sich die Kräfte. In Madrid wurde Verstappen Zweiter, obwohl der Red Bull nicht das schnellste Auto war. In Baku kämpfte er sich von Startplatz acht nach vorne und fehlten ihm am Ende gerade einmal 0,196 Sekunden auf George Russell. Nun Sepang: Pole. Drei Wochenenden hintereinander ist Verstappen plötzlich wieder dort, wo er sich am wohlsten fühlt – ganz vorne.

Ein Grand Prix von Bahrain – 7.000 Kilometer entfernt

Schon der Schauplatz macht dieses Wochenende ungewöhnlich. Sepang ist kurzfristig in den Kalender zurückgekehrt und übernimmt einen Grand Prix, der eigentlich im Nahen Osten stattfinden sollte. Deshalb heißt das Rennen offiziell nicht Großer Preis von Malaysia, sondern Großer Preis von Bahrain in Malaysia. Gefahren wird dennoch auf dem klassischen Sepang International Circuit südlich von Kuala Lumpur: 5,543 Kilometer, 15 Kurven, schnelle Richtungswechsel, zwei lange Geraden und vor allem eine Kombination aus Hitze und Luftfeuchtigkeit, die Mensch, Maschine und Reifen brutal fordert. Am Sonntag stehen 56 Runden auf dem Programm.

Viele Fahrer des heutigen Feldes kannten Sepang bislang nur vom Simulator. Die Strecke verschwand nach 2017 aus dem Kalender. Sie ist ein Produkt jener ersten Generation moderner Hermann-Tilke-Kurse, besitzt aber im Gegensatz zu mancher späteren Retortenstrecke einen eigenständigen Charakter. Besonders die schnellen Kurven verlangen Vertrauen in die Aerodynamik, während die langen Geraden gleichzeitig eine effiziente Abstimmung erfordern. Dazu kommt der vielleicht wichtigste Faktor dieses Wochenendes: die Temperatur. Die Reifen werden nicht nur warm, sie überhitzen. Wer rutscht, produziert noch mehr Temperatur; wer noch mehr Temperatur produziert, verliert Grip – ein Kreislauf, der schon am Freitag mehrere Teams beschäftigte.

Und genau hier begann Verstappens Wochenende.

FP1: Max setzt sofort die Marke

Verstappen benötigte keine lange Wiederannäherung an Sepang. Bereits nach 15 Minuten des ersten freien Trainings stand sein Name ganz oben. Als am Ende die Soft-Reifen ausgepackt wurden, legte er noch einmal nach: 1:37,520 Minuten, 0,383 Sekunden schneller als George Russell. Isack Hadjar komplettierte als Dritter einen starken Red-Bull-Auftakt. Dahinter folgten Leclerc, Antonelli und Hamilton.

Vor allem der Abstand zu Mercedes war interessant. Russell wirkte im Auto ausgesprochen zufrieden und schwärmte über die Strecke, dennoch fand Verstappen fast vier Zehntel. Antonelli kam mit 1,060 Sekunden Rückstand lediglich auf Platz fünf. Für den WM-Führenden war das kein alarmierendes Ergebnis, aber nach Baku, wo sein Qualifying-Unfall Russell überhaupt erst die Möglichkeit gegeben hatte, 15 Punkte aufzuholen, stand er diesmal von Beginn an stärker unter Beobachtung.

McLaren begann dagegen ausgesprochen unauffällig. Oscar Piastri wurde Elfter, Lando Norris Zwölfter. Das war nach Norris‘ Pech in Madrid und dem anschließenden Ausfall in Baku der nächste schwierige Auftakt. Ferrari lag mit Leclerc auf vier und Hamilton auf sechs zumindest in Reichweite.

Bei Red Bull konnte man dagegen zufrieden sein. Nicht nur Verstappen war schnell, auch Hadjar funktionierte auf Anhieb. Der RB22 schien mit den schnellen, fließenden Kurven von Sepang erheblich besser zurechtzukommen als mit manchen Strecken der ersten Saisonhälfte.

FP2: Verstappen verzichtet auf den Soft – und bleibt trotzdem vorne dabei

Am Nachmittag änderte sich das Bild. Dunkle Wolken zogen auf, zeitweise wurde mit einer Regenwahrscheinlichkeit von 90 Prozent gerechnet. Entsprechend schnell wollten die Teams ihre Programme abarbeiten. Verstappen setzte zunächst erneut die Bestmarke: 1:37,785 Minuten auf Medium, 0,235 Sekunden vor Russell. Dann wechselten die meisten Konkurrenten auf Soft.

Verstappen nicht.

Das ist für die Interpretation des FP2-Ergebnisses entscheidend. Charles Leclerc fuhr auf Soft schließlich 1:37,528 und holte die Bestzeit. Hadjar wurde mit 0,099 Sekunden Rückstand Zweiter, Norris Dritter. Verstappen landete 0,257 Sekunden hinter Leclerc auf Rang vier – hatte seine schnellste Zeit aber auf der härteren Mischung erzielt. Einen Soft-Reifen-Versuch absolvierte er überhaupt nicht.

Damit war sein vierter Platz erheblich stärker, als es die Tabelle vermuten ließ. Gleichzeitig war auch bei Red Bull längst nicht alles perfekt. Hadjar klagte über Schwingungen, Verstappen über seine Sitzposition. Vor allem aber begann das große Thema dieses Wochenendes deutlicher zu werden: die Reifen. In der malaysischen Hitze rutschten die Autos, die Oberflächentemperaturen stiegen, und wer zu früh attackierte, bezahlte später in der Runde dafür.

Ferrari fand damit zunächst am besten zurecht. Leclerc war schnell, Hamilton lag als Fünfter ebenfalls ordentlich. Mercedes hatte dagegen einen etwas verfälschten Nachmittag: Antonellis Soft-Runde wurde wegen Track Limits gestrichen, Russell brach seinen Versuch im letzten Sektor ab. Am Ende standen nur die Plätze sieben und acht.

Kurz vor Schluss blieb Gabriel Bortoleto mit seinem Audi liegen, das Virtual Safety Car beendete praktisch jede Möglichkeit einer späten Verbesserung. Nach Freitag war deshalb nur eines wirklich klar: Verstappen war sehr schnell. Wie schnell, wusste noch niemand.

Antonelli schlägt am Samstag zurück

FP3 lieferte zunächst eine andere Antwort. Kimi Antonelli meldete sich eindrucksvoll zurück. Der WM-Leader fuhr 1:36,302 Minuten und war damit 0,278 Sekunden schneller als Verstappen. Hadjar wurde Dritter, Russell Vierter. Leclerc und Hamilton folgten vor Norris und Piastri.

Plötzlich sah es wieder nach Mercedes aus. Antonelli hatte seinen schwierigen Freitag verarbeitet und schien genau rechtzeitig die Abstimmung gefunden zu haben. Besonders bemerkenswert war Russells Rückstand: 0,610 Sekunden auf den eigenen Teamkollegen. Nach seinem Sieg in Baku war der WM-Zweite also keineswegs automatisch der stärkere Mercedes-Fahrer.

Für Verstappen war Rang zwei allerdings ebenfalls eine Ansage. Red Bull hatte beide Autos unter den ersten drei, McLaren lag deutlich zurück und Ferrari ebenfalls mehr als sieben Zehntel hinter Antonelli. Alles deutete auf einen Qualifying-Kampf zwischen Antonelli und Verstappen hin.

Dann kam Q3.

Verstappen findet die Runde, als sie zählt

Genau darin liegt weiterhin eine der größten Qualitäten Max Verstappens. Trainingszeiten sind für ihn Mittel zum Zweck. Entscheidend ist, was passiert, wenn die Strecke frei wird, der Tank leer ist, Soft-Reifen montiert sind und eine einzige Runde zählt.

1:35,130 Minuten.

Keiner kam mehr heran.

Verstappen hatte in Malaysia gut lachen. Foto Sona Maleterova/Getty Images

Ausgerechnet Lewis Hamilton wurde Verstappens schärfster Gegner. Ferrari hatte das gesamte Wochenende mit der Balance und dem Reifenabbau gearbeitet und bis unmittelbar vor dem Qualifying Änderungen vorgenommen. Hamilton erklärte danach, man habe mit der letzten Anpassung offenbar endlich den „Sweet Spot“ getroffen. In der Hitze hätten die Autos stark gerutscht und die Reifen überhitzt; erst für das Qualifying habe die Balance wirklich gepasst.

Hamilton schob sich in den letzten Augenblicken auf Rang zwei. Eine kleine Überraschung – aber nicht die einzige.

Isack Hadjar fuhr die drittschnellste Zeit. Das unterstrich, dass Red Bulls Sepang-Form nicht ausschließlich auf Verstappens Fähigkeiten zurückzuführen ist. Allerdings trägt Hadjar eine Fünf-Plätze-Gridstrafe wegen Überschreitens seines Motorenkontingents und fällt deshalb auf Startplatz acht zurück. Dadurch rückt Antonelli von vier auf drei und steht in der zweiten Reihe neben Charles Leclerc.

Antonellis Qualifying war dabei keineswegs reibungslos. Seine erste Q2-Zeit wurde wegen Überschreitens der Track Limits gestrichen. Der Italiener reagierte am Funk ungläubig, musste anschließend aber unter Druck noch einmal hinaus – und rettete sich souverän weiter. In Q3 fehlte dann die letzte Konsequenz. Aus jenem Mercedes, mit dem er wenige Stunden zuvor FP3 klar gewonnen hatte, ließ sich nicht mehr genug herausholen.

Noch schlechter lief es für Russell. Der Baku-Sieger kam nur auf die achtschnellste Qualifying-Zeit. Durch Hadjars Strafe verbessert sich seine Ausgangslage zwar, aber für einen Mann, der gerade erst wieder Blut im WM-Kampf geleckt hat, ist das zu wenig. Sein Rückstand auf Antonelli beträgt nach Baku 66 Punkte. Will Russell diesen Rückstand weiter reduzieren, kann er sich nicht darauf verlassen, dass sein Teamkollege noch einmal wie in Aserbaidschan von weit hinten starten muss.

Norris und Piastri stehen mit den beiden McLaren in Reihe drei. Dahinter wird es durch Hadjars Rückversetzung etwas unübersichtlich. Klar ist jedenfalls: Die Ausgangslage an der Spitze lautet Verstappen vor Hamilton, Antonelli und Leclerc.

Und das verspricht einiges.

Warum Max am Sonntag tatsächlich gewinnen kann

Die Pole ist das eine. Viel interessanter ist die Frage, ob Verstappen über 56 Runden genügend Geschwindigkeit besitzt. Die bisherigen Daten sprechen zumindest dafür, dass Red Bull nicht nur für eine schnelle Qualifying-Runde abgestimmt hat. Schon am Freitag war Verstappen auf Medium ausgesprochen konkurrenzfähig. In FP2 lag er ohne Soft-Reifen lediglich 0,257 Sekunden hinter Leclercs Bestzeit auf der weicheren Mischung. FP3 bestätigte anschließend, dass Red Bull auch unter veränderten Bedingungen funktioniert.

Entscheidend wird das Reifenmanagement. Sepang produziert hohe seitliche Belastungen, dazu kommt die enorme Hitze. Hamilton beschrieb nach dem Qualifying ziemlich genau das Problem: Die Autos rutschen, dadurch überhitzen die Reifen, anschließend rutschen sie noch stärker. Wer am Sonntag zu Beginn eines Stints zu viel verlangt, kann am Ende dafür bezahlen.

Verstappen ist genau in dieser Disziplin gefährlich. Er kann schnell fahren, ohne ständig spektakulär auszusehen, und besitzt ein außerordentlich gutes Gespür dafür, wann ein Reifen geschützt werden muss. Gleichzeitig darf man Antonelli nicht unterschätzen. Mercedes war über die bisherigen Saisonmonate das konstant stärkste Gesamtpaket, Antonelli führt die Weltmeisterschaft mit 66 Punkten Vorsprung an und war in FP3 der schnellste Mann. Er startet nun von Platz drei und hat damit eine hervorragende Position für den Angriff.

Dazwischen steht Lewis Hamilton. Für Ferrari ist das womöglich die interessanteste Ausgangslage seit einiger Zeit. Hamiltons zweiter Startplatz kam nicht aus dem Nichts, sondern nach einer systematischen Verbesserung der Abstimmung. Wenn Ferrari diese Balance über die Renndistanz halten kann, muss Verstappen nicht nur auf Antonelli achten, sondern zunächst einmal seinen ehemaligen großen WM-Rivalen hinter sich halten.

Und dann wäre da noch das Wetter. Malaysia ohne Wetterdiskussion wäre kaum Malaysia. Schon am Freitag drohte Regen, ohne dass er das Training letztlich entscheidend beeinflusste. Die tropischen Bedingungen können sich allerdings schnell ändern. Sollte es am Sonntag nass werden, verändert sich die ohnehin interessante Ausgangslage noch einmal erheblich.

Vom schwierigen Jahr zurück auf Pole

Vielleicht ist deshalb gar nicht die einzelne Runde von 1:35,130 die wichtigste Nachricht dieses Samstags. Es ist Verstappens Entwicklung über die vergangenen Wochen.

In Madrid kämpfte er mit einem Red Bull, der nicht das schnellste Auto war, auf Rang zwei. In Baku startete er Achter, arbeitete sich durch das Feld und verlor den Sieg gegen Russell um 0,196 Sekunden. Jetzt steht er in Sepang auf Pole.

Erstmals beide in Q2: Lance Stroll und Fernando Alonso mit ihren Aston Martin

Nach dem Qualifying sagte Verstappen, Red Bull habe seit vielen Rennen versucht, wieder näher an die Spitze heranzukommen. Angesichts dessen, wo das Team zu Saisonbeginn gestanden habe, sei diese Pole „pretty incredible“.

Genau so muss man sie einordnen. Der Red Bull ist nicht plötzlich wieder das überlegene Auto vergangener Jahre. Aber er ist inzwischen offenbar gut genug, dass Verstappen damit Rennen gestalten kann. Und das ist für Mercedes eine wesentlich unangenehmere Nachricht, als es die WM-Tabelle ausdrückt.

Verstappen selbst spielt im Titelkampf kaum mehr die Hauptrolle. Aber er kann entscheiden, wer wie viele Punkte bekommt. Gewinnt er Rennen, fehlen diese 25 Punkte Antonelli ebenso wie Russell. Steht er zwischen den beiden Mercedes, verändert er deren interne WM-Rechnung. Und wenn Red Bull tatsächlich dauerhaft wieder auf diesem Niveau fährt, wird aus dem Duell Antonelli gegen Russell für die letzten Rennen ein wesentlich komplizierteres Spiel.

Sepang könnte dafür zum Wendepunkt werden. Verstappen war 2017 der letzte Sieger hier. Damals war er 20 Jahre alt und auf dem Weg nach oben. Nun kehrt er als vierfacher Weltmeister zurück, nach einer Saison, in der er ungewöhnlich lange hinterherfahren musste.

Neun Jahre später steht er wieder ganz vorne.

Max ist zurück in Sepang. Und diesmal startet er von Pole.

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