Colapintos Baku-Crash und die Folgen

Franco Colapinto verbremst sich beim Restart in Baku, räumt seinen Teamkollegen Pierre Gasly ab und beendet nebenbei auch Lando Norris’ Rennen. Was nach einem heftigen, aber letztlich gewöhnlichen Rennunfall aussah, hat sich binnen 48 Stunden zu einer bemerkenswerten Formel-1-Affäre entwickelt. Norris forderte eine Rennsperre, Max Verstappen und George Russell widersprachen, argentinische Fans überzogen den Weltmeister mit Beschimpfungen – und schließlich schalteten sich mit Außenminister Pablo Quirno und Fußball-Idol Sergio Agüero sogar prominente Landsleute Colapintos ein. Inzwischen hat sich Norris entschuldigt. Zurück bleibt eine Debatte, die längst nicht mehr nur davon handelt, wer in Kurve eins zu spät gebremst hat.

Anne Keller

Eigentlich war der Fall nach wenigen Sekunden ziemlich eindeutig. Beim Safety-Car-Restart des Großen Preises von Aserbaidschan kam Franco Colapinto in Kurve eins auf der Innenseite mit zu viel Geschwindigkeit an, blockierte mit den Vorderrädern und verlor die Kontrolle über seinen Alpine. Der Argentinier traf Teamkollege Pierre Gasly, dessen Wagen wiederum in Lando Norris’ McLaren geschoben wurde. Drei Rennen waren praktisch gleichzeitig beendet, Alpines Aussicht auf ein starkes Doppelresultat dahin und Norris aus einem Grand Prix gerissen, in dem er ohnehin bereits einen schwierigen Nachmittag erlebt hatte. Colapinto übernahm unmittelbar danach die Verantwortung: „Es war ein großer Fehler von mir und das darf nicht passieren.“ Kalte Reifen, kalte Bremsen, blockierende Räder – aber eben sein Fehler. Gasly akzeptierte die Entschuldigung. Die Sportkommissare sahen die Hauptverantwortung ebenfalls bei Colapinto und verhängten eine Zehn-Sekunden-Strafe. Weil der Argentinier ausgeschieden war und sie nicht mehr absitzen konnte, wurde daraus eine Rückversetzung um fünf Startplätze beim nächsten Grand Prix. 

Wird zum Fall für FIA und zur Aufregung für viele Fahrer und Fans: Colapintos Crash in Baku. Illustration: MG

Damit hätte die Sache erledigt sein können. War sie aber nicht, denn Norris stand kurz danach vor den Mikrofonen – und war stinksauer. Der amtierende Weltmeister fand nicht nur Colapintos Manöver fahrlässig, sondern stellte grundsätzlich infrage, ob ein solcher Fehler auf diesem Niveau passieren dürfe. „People should just get banned“, sagte er und legte nach: Ein derartiges Fahren habe in der Formel 1 nichts verloren. Mindestens eine Rennsperre hielt Norris für angebracht. Seine Begründung war durchaus nachvollziehbar: In der Formel 1 müsse man von den besten Fahrern der Welt erwarten können, dass sie bei einem Restart kalte Reifen und wenig Grip einkalkulieren. Außerdem habe Colapintos Fehler nicht nur dessen eigenes Rennen zerstört, sondern Autos beschädigt und andere Fahrer aus dem Grand Prix gerissen. 

Nur: Zwischen der Feststellung, dass Colapinto einen schweren Fehler gemacht hat, und der Forderung nach einer Sperre liegt ein beträchtlicher Unterschied. Und genau an diesem Punkt stellte sich das Fahrerlager überraschend deutlich gegen Norris. Baku-Sieger George Russell bezeichnete eine Rennsperre als „zu hart“. Safety-Car-Restarts mit kalten Reifen seien besonders heikel, sagte er: Ein kleiner Fehler könne dort enorme Folgen haben. Sperren sollten seiner Ansicht nach Situationen vorbehalten bleiben, in denen ein Fahrer absichtlich etwas ausgesprochen Gefährliches oder Rücksichtsloses tue. Max Verstappen sah es ähnlich. Entscheidend sei auch, dass der Verursacher erkenne, was er getan habe, und sich entschuldige. Ein Verbremser auf der schmutzigen Innenseite, wenig Grip, anschließend eine Kettenreaktion – das sei unglücklich, aber Teil des Rennsports. 

Das war die Welt noch in Ordnung: Der Alpine von Colapinto vor beeindruckender Kulisse. Foto: Alpine

Isack Hadjar ging noch einen Schritt weiter und nahm sogar die Strecke selbst ins Visier. Abseits der Ideallinie sei Baku sehr wellig, gleichzeitig sei es hinter dem Safety Car schwierig, genügend Temperatur in Reifen und Bremsen zu bekommen. Dann reiche eine kleine Fehleinschätzung für sehr große Konsequenzen. Auch Carlos Sainz verwies darauf, wie schwierig es während des gesamten Wochenendes gewesen sei, die Reifen ins richtige Temperaturfenster zu bringen. Mit anderen Worten: Colapinto machte einen Fehler. Einen ziemlich großen sogar. Aber unter Bedingungen, unter denen ein Fehler erklärbar ist. Genau diese Differenzierung ging in der anschließenden Empörung zunehmend verloren. 

Plötzlich mischt sich Argentiniens Außenminister ein

Denn nun geschah etwas, das aus einem Formel-1-Streit eine kleine internationale Affäre machte. Colapinto ist in Argentinien längst mehr als irgendein Rennfahrer. Seit seinem Formel-1-Aufstieg wird er von einer enorm leidenschaftlichen Fangemeinde begleitet, die ihre Unterstützung bisweilen mit einer Vehemenz betreibt, die auch im Fahrerlager bereits aufgefallen ist. Norris’ Forderung nach einer Sperre traf deshalb einen Nerv – und löste eine Welle von Reaktionen aus, die weit über die üblichen Diskussionen unter Motorsportfans hinausging.

Schließlich schaltete sich sogar Pablo Quirno, Argentiniens Außenminister, ein. Quirno veröffentlichte auf X ein Bild vom Großen Preis von Kanada 2025, bei dem Norris im Kampf mit seinem damaligen McLaren-Teamkollegen Oscar Piastri selbst einen Unfall verursacht hatte. Dazu schrieb er süffisant: „Sicher hat Lando Norris damals eine Strafe für den Fahrer gefordert, der Oscar Piastri in Montreal 2025 gerammt hat. Ach nein … stimmt.“ 

Das ist bemerkenswert. Dass Fans einen Fahrer verteidigen, gehört zum Sport. Dass ehemalige Rennfahrer Partei ergreifen, ebenso. Wenn sich aber der Außenminister eines Landes in einen Streit darüber einschaltet, ob dessen Formel-1-Fahrer für einen Verbremser gesperrt werden sollte, hat die Geschichte eine andere Ebene erreicht. Quirnos Vergleich war dabei nicht völlig aus der Luft gegriffen: Norris hatte 2025 in Montreal tatsächlich beim Versuch, Piastri zu überholen, seinen Teamkollegen getroffen und anschließend die Verantwortung übernommen. Allerdings unterscheiden sich die Situationen. Norris schied damals selbst aus, Piastri konnte weiterfahren; Colapintos Fehler in Baku eliminierte zwei andere Fahrer und löste eine wesentlich größere Kollision aus. Vor allem aber hatte Norris nach seinem eigenen Fehler nicht versucht, die Verantwortung abzuschieben.

Und Quirno blieb nicht allein. Sergio „Kun“ Agüero, Argentiniens ehemaliger Fußball-Superstar und Rekordtorschütze von Manchester City, meldete sich unter einem Instagram-Beitrag von Norris mit einer Animation, in der er den Kopf schüttelt und mahnend den Finger bewegt. Auch andere reichweitenstarke argentinische Accounts beteiligten sich. Aus dem Streit Norris gegen Colapinto wurde zunehmend England gegen Argentinien – zumindest in jenen Teilen der sozialen Netzwerke, in denen Nationalflaggen Argumente ersetzen. 

Das eigentliche Problem liegt tiefer

Genau hier wird die Angelegenheit allerdings weniger lustig. Denn die extreme Reaktion eines Teils der Colapinto-Anhängerschaft ist kein neues Phänomen. Schon vor Baku hatte Alpine mit einem zunehmend toxischen Klima rund um seine beiden Fahrer zu kämpfen. Nach einem Teamorder-Streit in Madrid wurden Pierre Gasly und sogar Mitglieder seiner Familie bedroht. Zuvor waren unter anderem Jack Doohan und Yuki Tsunoda Zielscheiben aggressiver Reaktionen geworden. Colapinto selbst hatte seine Anhänger ausdrücklich aufgefordert, solche Attacken zu unterlassen. 

Flavio Briatore war bereits vor dem Baku-Unfall der Kragen geplatzt. Der Alpine-Berater drohte damit, Colapinto keine Interviews mehr mit argentinischen Fernsehsendern führen zu lassen, wenn die Angriffe gegen Gasly und andere Teammitglieder nicht aufhörten. Wer Franco unterstützen wolle, solle ihn „sauber und loyal“ unterstützen, erklärte Briatore. Andernfalls werde man die Medienarbeit mit argentinischen Sendern eben einstellen. Das zeigt, wie weit das Problem bereits vor dem Crash von Baku eskaliert war. 

Nach dem Rennen wurde nun Norris zum Ziel. Unter seinen Social-Media-Beiträgen sammelten sich Zehntausende Reaktionen. Kritik an seiner drastischen Forderung ist selbstverständlich legitim. Persönliche Beschimpfungen, Drohungen und Hassbotschaften sind es nicht. Alpine sah sich deshalb erneut zu einer öffentlichen Erklärung gezwungen – bemerkenswerterweise nicht nur zum Schutz des eigenen Fahrers Colapinto, sondern ausdrücklich auch zum Schutz von Rivalen, Medienvertretern und anderen Mitgliedern der Formel-1-Gemeinschaft. „Mistakes happen when racing at the limit“, hielt das Team fest. Niemand solle deshalb Hass und Beschimpfungen ausgesetzt werden. 

Das ist die eigentliche Ironie dieser Geschichte: Ausgerechnet Alpine musste nach einem Unfall, den der eigene Fahrer verursacht hatte, den Mann mitverteidigen, dessen Rennen dieser Fahrer zerstört hatte.

Auch Briatore war sauer auf Colapinto

Dabei versucht Alpine keineswegs, Colapintos Fehler kleinzureden. Im Gegenteil. Briatore fand nach dem Rennen ungewöhnlich deutliche Worte. Colapinto habe viel zu spät gebremst, besonders angesichts der Situation bei einem Safety-Car-Restart. Es sei ein „very poor move“ für einen Fahrer seiner Erfahrung gewesen. Er wolle sich Zeit nehmen und überlegen, welche internen Konsequenzen daraus zu ziehen seien. 

Das ist für Colapinto womöglich relevanter als sämtliche Kommentare im Internet. Alpine hatte in Baku beide Autos in aussichtsreicher Position. Gasly und Colapinto lagen auf Punktekurs, das Team hätte im engen Mittelfeld der Konstrukteurs-WM dringend ein Doppelresultat gebrauchen können. Stattdessen kollidierten die eigenen Fahrer, Gasly wurde ausgeschieden, Colapinto ebenfalls – und Norris gleich mit. Der Argentinier zerstörte damit nicht nur sein eigenes Rennen, sondern einen möglichen sportlichen Erfolg des gesamten Teams.

Dass Gasly die Entschuldigung seines Teamkollegen akzeptierte, spricht für ihn. „Franco und ich haben nach dem Zwischenfall miteinander gesprochen, und er hat sich entschuldigt. Ich akzeptiere das“, sagte der Franzose. Colapinto selbst zeigte ebenfalls keine Tendenz, nach Ausreden zu suchen. Er entschuldigte sich beim Team, bei Gasly und bei Norris und übernahm ausdrücklich die Verantwortung. 

Gerade deshalb wirkt die anschließende Verteidigungsschlacht mancher Anhänger fast grotesk. Colapinto selbst behauptet gar nicht, unschuldig gewesen zu sein.

Norris rudert zurück

Inzwischen hat sich allerdings auch Norris korrigiert. Zwei Tage nach dem Rennen meldete er sich erneut zu Wort – diesmal wesentlich überlegter. Er habe Colapinto persönlich geschrieben und sich für seine Aussagen entschuldigt. „Ich hätte diese Dinge einfach nicht sagen dürfen“, erklärte Norris. Die Emotionen seien hochgekocht, aber das sei keine Entschuldigung. Er selbst habe in seiner Karriere Fehler gemacht und wisse, dass solche Dinge zum Rennsport am Limit gehörten. Besonders wichtig: Zwischen ihm und Colapinto gebe es keinen persönlichen Streit. Beide hätten die Angelegenheit geklärt und seien weiterhin gut befreundet. 

Damit hat Norris letztlich selbst jene Differenzierung vorgenommen, die unmittelbar nach dem Rennen gefehlt hatte. Seine Wut war verständlich. Er war ohne eigenes Verschulden ausgeschieden, sein McLaren erheblich beschädigt und ein mögliches Punkteergebnis verloren. Die Forderung nach einer Sperre war trotzdem überzogen. Genau deshalb ist der Vergleich mit Russell und Verstappen interessant: Beide trennten die Schwere der Folgen von der Schwere des eigentlichen Vergehens. Colapinto hatte sich nicht vorsätzlich in eine unmögliche Lücke geworfen und auch niemanden absichtlich von der Strecke gedrängt. Er hatte beim Restart einen Bremspunkt falsch eingeschätzt. Das Ergebnis war spektakulär. Der Fehler selbst war es weniger.

Die FIA scheint diese Interpretation zu teilen. Eine Rückversetzung um fünf Startplätze ist eine empfindliche Sanktion, aber eben keine Sperre. Damit bleibt der Verband bei der im Motorsport üblichen Unterscheidung zwischen Fahrfehler, grober Fahrlässigkeit und vorsätzlichem gefährlichem Verhalten. Würde jeder Verbremser mit mehreren Unfallopfern automatisch eine Rennsperre nach sich ziehen, müsste die Formel 1 ihre Sanktionspraxis grundsätzlich verändern.

Ein Fahrer trägt plötzlich ein ganzes Land mit sich herum

Und dennoch erzählt die Causa Colapinto von etwas Größerem. Die Formel 1 hat immer Fahrer hervorgebracht, die in ihren Heimatländern weit über den Sport hinausgewachsen sind. Ayrton Senna war für Brasilien mehr als ein Rennfahrer, Fernando Alonso löste in Spanien eine ganze Motorsportbewegung aus, Max Verstappen färbte Tribünen in ganz Europa orange. Bei Colapinto erlebt Argentinien nach langer Formel-1-Abstinenz etwas Ähnliches. Die Begeisterung ist verständlich. Problematisch wird sie dort, wo aus Unterstützung Besitzanspruch entsteht: Wer Colapinto kritisiert, wird dann nicht mehr als Kritiker eines Rennfahrers wahrgenommen, sondern beinahe als Gegner Argentiniens.

Dass sich nun sogar ein Außenminister in die Diskussion einschaltet, verstärkt genau diese Dynamik. Quirnos Beitrag mag als scherzhafter Konter gemeint gewesen sein. Bei einem ohnehin aufgeheizten Publikum besitzt die Wortmeldung eines Regierungsmitglieds jedoch ein anderes Gewicht als der Kommentar eines Fans. Aus einem Streit über einen Bremspunkt wird plötzlich eine nationale Angelegenheit.

Für Colapinto selbst ist das möglicherweise die unangenehmste Entwicklung von allen. Denn der 23-Jährige kann seine Anhänger nicht kontrollieren. Trotzdem wird deren Verhalten zunehmend mit seiner Person verbunden. Alpine musste mehrfach intervenieren, Briatore drohte mit Konsequenzen bei Medienauftritten, und nach Baku spricht die Formel 1 beinahe ebenso viel über argentinische Social-Media-Schlachten wie über Colapintos Geschwindigkeit.

Dabei wäre die sportliche Geschichte eigentlich interessant genug. Colapinto ist schnell, emotional, populär – und noch immer nicht frei von Fehlern. Baku war ein schwerer. Er hat ihn eingestanden und sich entschuldigt. Norris war wütend, schoss verbal über das Ziel hinaus und entschuldigte sich ebenfalls. Gasly akzeptierte Colapintos Entschuldigung. Verstappen, Russell und Hadjar hielten eine Sperre für überzogen. Die FIA hat ihr Urteil gefällt.

Eigentlich könnte damit Schluss sein.

Nur hat sich der Unfall inzwischen längst von seinen Verursachern gelöst. Colapinto hat in Baku einen Bremspunkt verpasst. 48 Stunden später diskutiert ein argentinischer Außenminister mit, ein Fußball-Weltstar mischt sich ein, Alpine kämpft gegen Hassbotschaften und der Formel-1-Weltmeister muss erklären, dass er und sein Unfallgegner noch Freunde sind.

Vielleicht ist das die bemerkenswerteste Pointe der ganzen Geschichte: In Baku brauchte es nur wenige Meter, um drei Formel-1-Autos aus dem Rennen zu nehmen. Die Kollision, die danach im Internet entstand, lässt sich wesentlich schwerer stoppen.

Hinterlasse einen Kommentar