George Russell hat sich für den Großen Preis von Aserbaidschan in die denkbar beste Position gebracht. Nach zwei Trainingsbestzeiten am Donnerstag fuhr der Mercedes-Pilot im Qualifying eine überragende Runde und deklassierte die Konkurrenz um mehr als acht Zehntelsekunden. Noch wichtiger für den WM-Kampf: Kimi Antonelli schlug bereits in Q1 in die Mauer und startet nur von Platz 16. Charles Leclerc und Oscar Piastri stehen hinter Russell, während Max Verstappen nach starken Trainings überraschend nur Achter wurde. Baku bietet damit genau jene Ausgangslage, die eine zuletzt ziemlich einseitig gewordene Weltmeisterschaft dringend gebrauchen kann.
81 Punkte. So groß ist George Russells Rückstand auf Kimi Antonelli nach 14 Saisonrennen. Das ist eine Distanz, bei der ein Verfolger nicht mehr auf kleine Verschiebungen hoffen kann. Er braucht Wochenenden, an denen möglichst viel auf einmal passiert: eine eigene Pole, einen Fehler des WM-Führenden und idealerweise noch einige schnelle Autos zwischen sich und dem Rivalen. Am Freitagabend in Baku hatte Russell ziemlich genau dieses Szenario vor sich. Während der Brite seinen Mercedes mit 1:42,526 Minuten auf Pole stellte, stand Antonellis beschädigtes Auto längst in der Garage. Russell schlug Charles Leclerc um gewaltige 0,837 Sekunden, Oscar Piastri fehlte lediglich eine weitere Tausendstelsekunde auf den Ferrari. Isack Hadjar wurde bei seinem Comeback starker Vierter, Lando Norris Fünfter.
Dass Russell auf Pole steht, ist dabei keineswegs überraschend. Die Dimension seines Vorsprungs dagegen schon. Mercedes hatte seit der ersten Runde am Donnerstag das stärkste Gesamtpaket. Russell selbst sprach anschließend vom womöglich größten Qualifying-Vorsprung seiner gesamten Karriere, Nachwuchsserien eingeschlossen. Es war seine fünfte Pole dieser Saison und die erste seit Österreich Ende Juni. Vor allem aber war es eine jener Runden, bei denen Baku plötzlich sehr klein aussehen kann: keine Korrektur zu viel, keine Mauer zu nahe, perfektes Vertrauen beim Anbremsen. Auf einem Kurs, auf dem die Autos mit minimalem Abtrieb durch rechtwinklige Kurven balanciert werden müssen und anschließend mit weit über 300 km/h die kilometerlange Gerade hinunterjagen, ist dieses Vertrauen beinahe alles.
Russell gibt vom ersten Training an den Ton an
Die Geschichte dieses Wochenendes hatte sich bereits am Donnerstag angekündigt. Im ersten freien Training war die Strecke zunächst staubig und rutschig, entsprechend vorsichtig begann die Arbeit. Baku bleibt eine der eigentümlichsten Aufgaben des Kalenders: 6,003 Kilometer, eine extrem lange Vollgaspassage entlang des Kaspischen Meeres, gleichzeitig aber der nur 7,6 Meter breite Altstadtabschnitt bei den Kurven 8 und 9. Viel weniger Flügel als auf gewöhnlichen Straßenkursen ist notwendig, damit die Autos auf der Geraden nicht verhungern. Genau dieser geringe Abtrieb macht sie im engen Teil der Stadt aber nervös. Hinzu kamen Wind und eine Strecke, die sich mit jeder Runde veränderte.
Russell fand die Balance am schnellsten. Seine 1:45,387 Minuten bedeuteten FP1-Bestzeit, vier Zehntel vor Verstappen. Dahinter lagen Leclerc und Hamilton beinahe gleichauf, Antonelli wurde Fünfter. Gerade beim WM-Leader täuschte das Ergebnis allerdings über ein schwieriges Training hinweg. Nach rund 25 Minuten meldete er ein Hydraulikproblem und musste seinen Mercedes in Kurve 7 abstellen. Seine Session war beendet, noch bevor die wirklich schnellen Soft-Reifen-Runden begannen. Trotzdem blieb seine frühe Zeit gut genug für Platz fünf – ein Hinweis darauf, wie viel Geschwindigkeit auch in Antonellis Auto steckte.
Auch sonst war FP1 typisch Baku. Verstappen und Russell mussten in die Auslaufzonen, Carlos Sainz kehrte mit brennenden Hinterradbremsen an die Williams-Box zurück, Nico Hülkenberg blieb mit seinem Audi stehen. McLaren hatte ebenfalls keinen erfreulichen Beginn. Oscar Piastri meldete Vibrationen, Norris verlor viel Trainingszeit und landete lediglich auf Rang 14. Red-Bull-Rückkehrer Isack Hadjar, der nach seiner Handgelenksverletzung drei Rennen verpasst hatte, wurde durch ein Problem an der Power Unit eingebremst. Schon die erste Stunde zeigte damit, was Baku seit Jahren auszeichnet: Ein Auto kann auf der langen Geraden hervorragend funktionieren und zwei Minuten später im engen Stadtteil vollkommen unberechenbar wirken.
Am Nachmittag wurde das Bild deutlicher – und Russell noch stärker. Er senkte die Bestzeit in FP2 auf 1:43,347 Minuten und nahm Antonelli mehr als eine halbe Sekunde ab. Verstappen folgte mit 0,827 Sekunden Rückstand, Leclerc und Hamilton komplettierten die ersten fünf. Besonders bemerkenswert war, wie selbstverständlich Russell die unterschiedlichen Anforderungen der Strecke zusammenbrachte. Mercedes war schnell auf der Geraden, aber gleichzeitig stabil genug in den langsamen Kurven. Verstappen dagegen kämpfte mit einem nervösen Red Bull. Der Niederländer beschwerte sich darüber, dass die Hinterachse über die Bodenwellen regelrecht abhob und er ständig gegenlenken müsse. Trotzdem blieb seine Pace respektabel.
Antonelli wiederum meldete sich nach seinem verlorenen FP1-Nachmittag sofort zurück. Rang zwei zeigte, dass der Defekt am Vormittag kein grundsätzliches Problem darstellte. McLaren blieb dagegen schwer einzuschätzen. Nach Schwierigkeiten mit den Unterböden mussten provisorische Reparaturen vorgenommen werden; Norris und Piastri wirkten über eine Runde nicht wie Kandidaten für die Pole. Ferrari wiederum war schnell genug, um zumindest in Reichweite zu bleiben. Damit hatte sich nach Donnerstag eine Hierarchie herausgebildet: Mercedes vorne, Verstappen und Ferrari als erste Verfolger, McLaren mit Fragezeichen.
Verstappen verhindert den Mercedes-Durchmarsch
Am Freitagvormittag änderten sich die Bedingungen. Es wurde kühler und vor allem windiger, der Grip war zunächst schlechter als am Vortag. Genau das ist in Baku besonders unangenehm: Der Wind trifft die Autos zwischen den Häuserzeilen nicht gleichmäßig, sondern verändert seine Wirkung von Kurve zu Kurve. Beim Anbremsen aus mehr als 300 km/h kann eine Böe genügen, um die Hinterachse unruhig werden zu lassen. Selbst Russell wäre beinahe in der Streckenbegrenzung gelandet, fing seinen Mercedes aber noch rechtzeitig ab. Lance Stroll traf die Mauer und zog sich einen Reifenschaden zu.
Und plötzlich war Verstappen da. Mit 1:43,922 Minuten verhinderte der Niederländer den kompletten Trainingsdurchmarsch Russells – allerdings nur um 0,099 Sekunden. Hamilton fehlten als Drittem gerade einmal 0,111 Sekunden auf Verstappen. Antonelli wurde Vierter, Leclerc Fünfter, Gasly Sechster. Die McLaren lagen mit Piastri auf sieben und Norris auf acht weiterhin etwas unter dem Radar. Nach drei Trainings sah es deshalb tatsächlich nach einem Vierkampf zwischen Mercedes, Red Bull, Ferrari und möglicherweise McLaren aus.

Vor allem Verstappens Steigerung war bemerkenswert. Am Donnerstag hatte er noch mit der Hinterachse gehadert, am Freitag funktionierte der Red Bull deutlich besser. Das machte den viermaligen Weltmeister plötzlich zum ernsthaften Pole-Kandidaten. Dass er einige Stunden später nur auf Startplatz acht stehen würde, war zu diesem Zeitpunkt kaum absehbar.
Dann wirft Antonelli das Auto weg
Das Qualifying begann mit jener Szene, die für die Weltmeisterschaft wichtiger werden könnte als Russells Pole-Runde. Antonelli schlug in Kurve 1 in die Mauer ein und beschädigte seinen Mercedes so schwer, dass sein Qualifying beendet war. Seine zuvor gesetzte Zeit reichte zwar grundsätzlich zum Weiterkommen, doch der Wagen konnte nicht mehr eingesetzt werden. Offiziell steht damit Startplatz 16. Antonelli selbst bezeichnete den Fehler anschließend als „very stupid“. Nach seinem sensationellen Sieg von Startplatz 19 in Monza und dem glücklichen Erfolg in Madrid wurde der WM-Führende in Baku erstmals seit längerer Zeit wieder sehr unsanft daran erinnert, dass auch seine Saison nicht ausschließlich aus Erfolgsgeschichten bestehen muss.
Gerade die Art des Fehlers war ungewöhnlich. Antonelli hatte in den vergangenen Wochen vor allem durch seine erstaunliche Abgeklärtheit beeindruckt. Diesmal war es kein technisches Problem und keine unglückliche Strategie. Er traf die Mauer selbst. In Baku ist das keine Schande – wahrscheinlich gibt es keinen anderen Kurs im Kalender, auf dem die Grenze zwischen einer perfekten Runde und einem zerstörten Auto derart schmal ist. Für einen WM-Führenden mit 81 Punkten Vorsprung ist es trotzdem ein Fehler, den man sich eigentlich nicht leisten muss.
Für Russell öffnete sich damit eine Tür. Und er ging ziemlich entschlossen hindurch.
Eine Pole mit Ansage – und trotzdem außergewöhnlich
In Q3 war Russell zunächst bereits schnell. Dann legte er noch einmal nach. Und noch einmal. Seine letzte Runde von 1:42,526 Minuten war schließlich eine Demonstration. Leclerc schaffte 1:43,363, Piastri 1:43,364. Zwischen Ferrari und McLaren lag also eine einzige Tausendstelsekunde. Zwischen ihnen und Russell lagen Welten.
Leclercs zweiter Platz ist trotzdem bemerkenswert. Baku und der Monegasse haben eine merkwürdige Beziehung: Viermal stand er hier bereits auf Pole, gewonnen hat er den Grand Prix noch nie. Diesmal fehlt ihm die Pole, dafür könnte seine Ausgangslage für das Rennen sogar interessanter sein. Ferrari besitzt gute Geschwindigkeit auf der Geraden, Leclerc kennt diese Strecke hervorragend und Russell wird am Samstag nicht nur gegen ihn, sondern auch gegen den Windschatten kämpfen müssen. Der Weg von der letzten Kurve bis zur ersten ist so lang, dass der Führende dort schnell zum unfreiwilligen Helfer des Hintermanns werden kann.
Piastri steht unmittelbar daneben auf Rang drei. Für McLaren ist das nach den schwierigen Trainings beinahe eine kleine Überraschung. Noch bemerkenswerter ist Isack Hadjar auf Platz vier. Nach drei verpassten Rennen kehrt der Franzose zurück und stellt den Red Bull prompt in die zweite Startreihe – während Verstappen mit dem anderen Auto nur Achter wird. Das ist eine der bemerkenswertesten Randgeschichten dieses Qualifyings.
Norris startet als Fünfter. Nach seiner Pole in Madrid war diesmal deutlich mehr möglich, doch ein Verbremser auf der letzten schnellen Runde kostete ihn die Chance auf eine bessere Position. Hamilton folgt als Sechster vor Pierre Gasly, der Alpine wieder einmal erstaunlich weit nach vorne stellte. Dann erst kommt Verstappen. Carlos Sainz brachte den stark überarbeiteten Williams auf Rang neun, Franco Colapinto komplettiert die ersten zehn.
Für Verstappen ist Startplatz acht besonders bitter. Nach seiner FP3-Bestzeit durfte Red Bull realistisch von der ersten Reihe träumen. Im entscheidenden Moment funktionierte die Runde nicht. Baku ist allerdings eine Strecke, auf der Startplatz acht weniger endgültig ist als anderswo. Die gewaltige Gerade produziert Windschattenspiele, Safety Cars gehören beinahe zur lokalen Folklore, und ein einziger Zwischenfall kann die gesamte Strategie durcheinanderwerfen.
Plötzlich lebt die Weltmeisterschaft wieder ein wenig
Und damit kommen wir zu George Russell. Für ihn ist dieser Samstag mehr als eine Gelegenheit auf einen weiteren Grand-Prix-Sieg. Es ist wahrscheinlich seine beste Chance seit Wochen, Antonellis WM-Führung spürbar zu verkleinern. 81 Punkte beträgt der Rückstand. Gewinnt Russell und bleibt Antonelli außerhalb der Punkte, wären es noch 56. Das wäre immer noch viel – aber erstmals seit geraumer Zeit wieder eine Größenordnung, bei der der Italiener zumindest in den Rückspiegel schauen müsste. Russell muss diese Gelegenheit allerdings nutzen. Eine Pole allein verändert keine Weltmeisterschaft.
Antonelli wiederum kennt die Situation. Erst in Monza startete er nach seiner Motorenstrafe von weit hinten und gewann trotzdem. Man sollte deshalb vorsichtig damit sein, Platz 16 bereits als Katastrophe zu interpretieren. Baku bietet Überholmöglichkeiten, der Mercedes besitzt hervorragende Geschwindigkeit und die lange Gerade hilft einem Auto, das effizient durch die Luft geht. Nur ist das Mittelfeld hier gefährlich. Wer von hinten kommt, muss sich durch jene enge Altstadt zwängen, in der teilweise kaum zwei Autos nebeneinander passen. Ein beschädigter Frontflügel, eine Berührung oder ein ungünstiges Safety Car – und aus einer Aufholjagd wird schnell ein Nuller.
Strategisch deutet vieles auf einen Boxenstopp hin. Der Reifenverschleiß ist bislang überschaubar; Medium und Soft erscheinen als attraktive Kombination, der Hard könnte bei einer frühen Neutralisierung ins Spiel kommen. Das klingt einfach, ist es in Baku aber selten. Safety Cars und Virtual Safety Cars können hier jede vorher berechnete Strategie innerhalb weniger Sekunden wertlos machen.
Genau darin liegt die Faszination dieses Grand Prix. Russell hat das schnellste Auto und startet vorne. Leclerc steht dort, wo er in Baku traditionell besonders gefährlich ist. Piastri besitzt ein McLaren-Paket, dessen wahres Rennpotenzial nach den schwierigen Trainings noch nicht vollständig sichtbar geworden ist. Hadjar startet sensationell aus Reihe zwei. Norris muss von fünf angreifen. Verstappen lauert auf acht und wird kaum vorhaben, dort lange zu bleiben. Und ganz hinten im Verkehr sitzt jener Mann, um den sich diese Weltmeisterschaft dreht.
Kimi Antonelli hat in Monza gezeigt, dass er von hinten gewinnen kann. In Madrid zeigte er, dass er auch jene Rennen gewinnt, in denen das Glück kräftig mithilft. Baku stellt ihm nun eine dritte Aufgabe: Was macht ein WM-Führender, wenn der Fehler tatsächlich sein eigener war?
Für George Russell lautet die Frage wesentlich einfacher. Er hat Antonelli am Freitag die Tür geöffnet bekommen. Dann fuhr er eine Runde, die niemand auch nur annähernd beantworten konnte. Am Samstag muss er nur noch hindurchgehen.
Denn wenn Russell diese Weltmeisterschaft noch einmal spannend machen will, dann beginnt seine vielleicht letzte große Gelegenheit genau hier: auf Startplatz eins in Baku, während Kimi Antonelli auf Platz 16 steht.
