Antonelli gewinnt Madrid – doch Norris war der Mann des Tages

Kimi Antonelli gewinnt auch die Premiere auf dem Madring und baut seine WM-Führung auf 81 Punkte aus. Doch so eindeutig, wie das Ergebnis aussieht, war dieser Sonntag nicht. Lando Norris kontrollierte das Rennen von der Pole, bis ihm ein Virtual Safety Car im denkbar schlechtesten Moment den Sieg entriss. Max Verstappen wiederum zeigte einmal mehr, wie viel ein Fahrer aus einem Auto herausholen kann, das nicht das beste im Feld ist. Antonelli bekam das Glück serviert – und machte daraus seinen achten Saisonsieg.

Anna Keller

Es gibt Siege, die sich ein Fahrer erarbeitet, weil er schneller ist als alle anderen. Und es gibt Siege, bei denen die Umstände kräftig mithelfen. Kimi Antonellis Erfolg in Madrid bewegte sich irgendwo dazwischen. Der 20-Jährige machte wenig falsch, fuhr schnell, hielt die Reifen unter Kontrolle und verwertete seine Chance ohne Fehler. Aber die Wahrheit dieses ersten Formel-1-Rennens auf dem Madring lautet trotzdem: Lando Norris hatte den Sieg praktisch in der Hand, bis der Rennverlauf ihn ihm entriss. Antonelli wusste das selbst und räumte hinterher ein, dass Norris den Sieg eigentlich verdient gehabt hätte.

Dabei begann die Premiere auf der neuen Madrider Strecke durchaus turbulent. Norris verteidigte seine überraschende Pole gegen Antonelli, der sofort attackierte, dabei aber zweimal die Strecke verlassen musste. Beim zweiten Versuch öffnete sich die Tür für Verstappen, der sich am Mercedes vorbeischob. Nach einer umstrittenen Szene wurde der Niederländer allerdings angewiesen, Positionen an Antonelli und Lewis Hamilton zurückzugeben. Verstappen protestierte, gehorchte aber. Damit lag Norris wieder dort, wo er schon am Samstag gestanden hatte: ganz vorne. Und diesmal begann er, sich abzusetzen.

Das war der Moment, in dem sich zeigte, dass die Pole keine Eintagsfliege gewesen war. Norris hatte im Qualifying eine außergewöhnliche Runde aus dem McLaren geholt, im Rennen aber war sein Tempo keine Momentaufnahme mehr. Nach wenigen Runden hatte er mehrere Sekunden Vorsprung auf Antonelli herausgefahren. Der McLaren funktionierte auf den Medium-Reifen hervorragend, während Antonelli mit seinem Satz sichtbar mehr zu kämpfen hatte und sich zwischendurch sogar einen Ausritt leistete. Je länger der erste Stint dauerte, desto stärker sah alles nach einem kontrollierten Norris-Sieg aus. Nach dem verlorenen Freitagstraining und der sensationellen Pole wäre es die perfekte Vollendung eines Wochenendes gewesen, an dem McLaren zunächst kaum jemand ganz vorne erwartet hatte.

Auch dahinter passierte einiges. Lewis Hamilton hatte mit Soft-Reifen auf einen aggressiven Beginn gesetzt, doch sein Rennen zerfiel früh. Bremsprobleme warfen ihn zurück, nach sieben Runden stellte Ferrari den Wagen ab. Charles Leclerc fuhr einen völlig anderen Grand Prix und blieb lange draußen, während George Russell nach seinem schwierigen Qualifying erneut nicht den Eindruck vermittelte, der Mann zu sein, der Antonelli in dieser Weltmeisterschaft noch ernsthaft unter Druck setzen kann.

Dann kam Runde 15 – und mit ihr der Moment, der das Rennen veränderte. Lance Stroll blieb mit seinem Aston Martin stehen, die Rennleitung rief das Virtual Safety Car aus. Antonelli, Verstappen und Russell befanden sich in perfekter Position, um sofort an die Box zu kommen. Norris dagegen hatte die Einfahrt gerade passiert. Sekunden entschieden über den Grand Prix. Antonelli und Verstappen konnten ihren Stopp unter VSC-Bedingungen absolvieren, Norris musste eine Runde später unter normalen Rennbedingungen stoppen. Und als wäre dieses Timing nicht schon bitter genug gewesen, dauerte auch noch sein Reifenwechsel zu lange. Sieben Sekunden stand der McLaren wegen eines Problems vorne rechts.

Norris kam nur als Fünfter zurück auf die Strecke. Auf einem Kurs, auf dem Überholen ohnehin schwierig war, hatte er damit genau das verloren, was hier besonders wertvoll war: die Position auf der Strecke. Das eigentlich Frustrierende daran: Norris hatte nichts falsch gemacht. Kein schlechter Start, kein Verbremser, kein selbst verschuldeter Strategiefehler. Er war schnell genug gewesen, um das Rennen zu kontrollieren, und wurde durch das Timing eines VSC bestraft, das niemand vorhersehen konnte. Es gibt Niederlagen, bei denen man hinterher eine Liste eigener Fehler durchgehen kann. Madrid gehörte nicht dazu.

Großer Preis von Spanien 2026 – die Strecke. Illustration: Mercedes

Dass Verstappen am Ende zwischen Antonelli und Norris stand, erzählt wiederum eine andere Geschichte. Der Red Bull war auch in Madrid nicht das eindeutig schnellste Auto. Schon im Qualifying hatte Verstappen einen dritten Startplatz herausgeholt, der eher nach Fahrer als nach Maschine aussah. Im Rennen setzte sich dieses Muster fort. Nach der erzwungenen Positionsrückgabe verlor er keine Nerven, blieb im strategischen Fenster und nutzte das VSC konsequent. Vor allem aber verteidigte er in der Schlussphase gegen den schnelleren Norris. Der McLaren kam näher, Verstappen machte in Kurve fünf sogar einen Fehler, Norris zog neben ihn – und trotzdem blieb der Niederländer Zweiter.

Genau solche Rennen zeigen Verstappens Klasse vielleicht deutlicher als manche seiner dominanten Siege. Er hatte nicht das beste Auto, musste Positionen zurückgeben und stand trotzdem auf dem zweiten Podestplatz. Verstappen verschenkt kaum etwas. Er erkennt Möglichkeiten, hält sich aus unnötigem Ärger heraus, wenn es darauf ankommt, und ist im Zweikampf weiterhin jener Fahrer, an dem man erst einmal vorbeikommen muss. Dass die Zuschauer ihn zum Fahrer des Tages wählten, passte deshalb durchaus.

Antonellis Sieg dagegen war zweifellos vom Glück begünstigt. Nach seinem unglaublichen Triumph von Startplatz 19 in Monza war Madrid eine völlig andere Art Erfolg. In Italien hatte er sich den Sieg mit einer gewaltigen Aufholjagd erarbeitet, in Spanien bekam er die entscheidende Wendung vom Rennverlauf geschenkt. Das schmälert nicht, was er danach daraus machte. Weltmeisterschaften gewinnt man eben nicht nur mit heroischen Fahrten, sondern genauso an jenen Sonntagen, an denen sich das Glück plötzlich auf die eigene Seite stellt. Antonelli machte nach dem VSC keinen entscheidenden Fehler mehr, hielt Verstappen auf Abstand und wartete darauf, dass Leclerc endlich stoppen musste. Als Ferrari den Monegassen in Runde 48 hereinholte, war der Weg frei. Antonelli erhöhte das Tempo und fuhr seinen achten Saisonsieg nach Hause.

Das gehört zur erstaunlichen Reife dieses jungen Fahrers. Er versuchte nicht, den glücklichen Verlauf noch irgendwie besonders spektakulär aussehen zu lassen. Er gewann einfach. Und genau das macht seine Saison zunehmend beeindruckend. Wenn Antonelli das schnellste Auto hat, gewinnt er. Wenn er wie in Monza von hinten starten muss, gewinnt er. Und wenn ihm wie in Madrid ein Virtual Safety Car entgegenkommt, gewinnt er ebenfalls. Glück allein reicht dafür nicht. Man muss es auch verwerten können.

Hinter dem Spitzentrio landete Leclerc nach seinem sehr langen ersten Stint auf Rang vier, Russell wurde Fünfter. Liam Lawson folgte auf Platz sechs vor Franco Colapinto, Oscar Piastri, Arvid Lindblad und Nico Hülkenberg. Für die spanischen Fans verlief die Premiere enttäuschend: Carlos Sainz schied aus, Fernando Alonso kam nur auf Rang 17 ins Ziel. Und der Madring selbst hinterließ einen zwiespältigen Eindruck. Die Strecke ist schnell, spektakulär und anspruchsvoll, doch die Befürchtungen bezüglich der Überholmöglichkeiten bestätigten sich. Nach dem VSC war Norris schneller als Verstappen, fand aber kaum einen Weg vorbei. Viele Positionsverschiebungen entstanden durch Strategie statt durch direkte Duelle. Hier wird man nach dem ersten Grand Prix genau hinsehen müssen.

Sind inzwischen Best Buddies: Max Verstappen (links) und Kimi Antonelli. Foto: Mark Thompson/Getty Images/Red Bull Content Pool

Die WM: Antonelli fährt davon

Viel wichtiger ist allerdings, was Madrid mit der Weltmeisterschaft gemacht hat. Antonelli steht nun bei 292 Punkten, George Russell bei 211. Das sind 81 Punkte Vorsprung – mehr als drei komplette Grand-Prix-Siege. Nach 14 Saisonrennen hat Antonelli acht gewonnen, Russell lediglich zwei. Noch entscheidender ist aber ein anderes Muster: Selbst an Wochenenden, an denen Antonelli verwundbar erscheint, gelingt es seinem Teamkollegen zu selten, daraus Kapital zu schlagen. Madrid war das perfekte Beispiel. Russell startete als Sechster und wurde Fünfter. Während Antonelli 25 Punkte holte, sammelte Russell zehn. So schließt man keine 66-Punkte-Lücke – man macht daraus eine von 81 Punkten.

Mathematisch ist die Weltmeisterschaft noch längst nicht entschieden, sportlich entwickelt sie inzwischen aber eine ziemlich eindeutige Richtung. Antonelli kommt aus der Sommerpause und gewinnt zunächst in Monza eines der herausragenden Rennen seiner Karriere, eine Woche später folgt Madrid. Zwei Siege auf vollkommen unterschiedliche Weise. Genau das macht seine Situation so komfortabel: Er benötigt keinen bestimmten Rennverlauf mehr. Er scheint gewinnen zu können, wenn alles gegen ihn läuft, und ebenso, wenn ihm alles entgegenkommt.

Russells größtes Problem ist dabei nicht einmal der Rückstand, sondern dass Antonelli im gleichen Auto sitzt. Mercedes führt auch die Konstrukteurswertung deutlich an. Russell kann also nicht darauf hoffen, dass sein Teamkollege plötzlich technisch ins Hintertreffen gerät. Will er diese Weltmeisterschaft noch einmal öffnen, muss er Antonelli regelmäßig schlagen – und zwar nicht um zwei oder drei Punkte, sondern deutlich.

Für Norris ist die Situation anders. Madrid hat gezeigt, dass McLaren wieder Rennen gewinnen kann. Der Weltmeister wäre ohne das VSC sehr wahrscheinlich der Mann gewesen, den alle hätten schlagen müssen. Für einen ernsthaften Angriff auf die WM kommt diese Formsteigerung wohl zu spät, für den weiteren Verlauf der Saison ist Norris aber enorm wichtig. Er kann Antonelli Siege und Punkte wegnehmen. Ähnliches gilt für Verstappen: Red Bull besitzt derzeit offenbar nicht das Auto, mit dem er jedes Wochenende aus eigener Kraft gewinnen kann, aber solange Verstappen aus dritten Startplätzen zweite Plätze macht, bleibt er ein Faktor.

Nun warten mit Baku, Singapur, Austin, Mexiko, São Paulo, Las Vegas, Katar und Abu Dhabi noch sehr unterschiedliche Herausforderungen. Gerade Baku könnte Verstappen entgegenkommen: lange Geraden, harte Bremszonen und eine Strecke, auf der Mut und Präzision viel ausmachen. Singapur wiederum ist ein Kurs, auf dem Fehler brutal bestraft werden. Für Antonelli verändert sich damit die Aufgabe. Bei 81 Punkten Vorsprung muss er nicht mehr jedes Rennen gewinnen. Zweite und dritte Plätze reichen, solange Russell keine Siegesserie startet. Die eigentliche Gefahr könnte sogar darin liegen, nun zu sehr mit dem Rechnen anzufangen. Antonelli war bislang besonders stark, wenn er attackierte. Mercedes sollte aus seinem komfortablen Vorsprung deshalb keine taktische Zwangsjacke machen.

Als man Lando Norris verbieten wollte, eine Coke zu trinken

Madrid war dafür ein bemerkenswertes Lehrstück. Norris war vermutlich der schnellste Mann des Sonntags, Verstappen zeigte vielleicht die stärkste fahrerische Leistung – und Antonelli gewann. Für seine Gegner ist genau das womöglich die unangenehmste Nachricht dieses Wochenendes. Denn Weltmeisterschaften werden nicht nur an jenen Tagen gewonnen, an denen man allen anderen davonfährt. Sondern besonders häufig an jenen, an denen eigentlich ein anderer hätte gewinnen müssen.

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