Madrid: Mercedes dominierte die Trainings, Ferrari war gefährlich, Max Verstappen lauerte – und Lando Norris schien nach einem Freitag zum Vergessen eigentlich nur noch hinterherzufahren. Dann kam Q3. Der Weltmeister stellte seinen McLaren mit einer einzigen fabelhaften Runde auf die erste Pole Position in der Geschichte des neuen Madring. Kimi Antonelli fehlen elf Tausendstelsekunden.
Matthias Greuling
Man kann einen neuen Formel-1-Kurs am Simulator lernen, jede Kurve hundertmal virtuell fahren und sämtliche Daten studieren. Irgendwann muss man aber doch hinaus, dorthin, wo Betonwände stehen und ein Fehler nicht mit der Reset-Taste erledigt ist. Genau deshalb waren Freitag und Samstag beim ersten Formel-1-Wochenende auf dem Madring so interessant. Die 5,414 Kilometer lange neue Strecke rund um IFEMA und Valdebebas ist ein eigentümlicher Hybrid aus Straßenkurs und permanenter Rennstrecke, 22 Kurven, schnelle Passagen, harte Bremszonen, kaum Platz für Fehler und mit „La Monumental“ ein Stück Asphalt, das schon beim Debüt zu einem Wahrzeichen werden dürfte: 550 Meter lang, bis zu 24 Prozent überhöht, die längste Steilkurve im aktuellen Formel-1-Kalender.

Dazu kommen Höhenunterschiede, ein blinder Scheitelpunkt in Kurve acht und ein enger letzter Sektor, in dem die Mauern wieder bedrohlich nahe rücken. Auf den Geraden werden rund 340 km/h erreicht. Das Ergebnis ist keine Retortenbahn, auf der man nach zehn Runden alles verstanden hat, sondern eine Strecke, die sich über das Wochenende sichtbar veränderte – und auf der Präzision besonders deshalb zählt, weil Überholen am Sonntag schwierig werden könnte.
Am Freitag sah zunächst alles nach Mercedes aus. George Russell setzte in FP1 mit 1:34,077 Minuten die erste ernsthafte Bestmarke des Madring und lag 0,286 Sekunden vor Kimi Antonelli. Dahinter folgten Charles Leclerc und Lewis Hamilton: Mercedes eins und zwei, Ferrari drei und vier, Max Verstappen als Fünfter. Die Zeiten purzelten beinahe mit jeder Runde, weil sich die neue Asphaltoberfläche immer weiter entwickelte und die Fahrer ihre Bezugspunkte erst finden mussten. Antonelli verbremste sich, Leclerc schoss in Kurve 17 durch die Auslaufzone, Verstappens Medium-Reifen begannen zu grainen, und der Verkehr wurde schon am ersten Vormittag zum Thema. Genau das könnte am Sonntag eine entscheidende Rolle spielen: Der Madring ist schnell, aber eben nicht überall breit.
FP2 verschob das Bild ein wenig, ohne die Favoritenrolle von Mercedes grundsätzlich infrage zu stellen. Diesmal war Antonelli der Schnellste. Seine 1:33,662 bedeuteten gegenüber FP1 bereits einen Sprung von mehr als vier Zehnteln; Leclerc fehlten nur 0,113, Hamilton 0,149 Sekunden. Arvid Lindblad sorgte als Vierter für die erste kleine Überraschung, Russell wurde Fünfter, Verstappen Sechster. Bei Mercedes hatte man allerdings nicht alles richtig gemacht: Russell empfand die Setup-Änderungen zwischen den beiden Trainings eher als Rückschritt und kündigte an, für Samstag teilweise wieder zurückzubauen. Ferrari wiederum war in den ersten beiden Sektoren konkurrenzfähig, verlor aber im technischen Schlussabschnitt Zeit. Red Bull bewegte sich irgendwo zwischen ernsthaftem Herausforderer und Beobachter. Und McLaren? Dort begann ein Wochenende, das Lando Norris eigentlich schon am Freitag aus der Hand zu gleiten schien.
Der Weltmeister war in FP1 lediglich Sechster geworden, in FP2 kam er wegen eines Getriebeproblems gerade einmal zwei Installationsrunden weit und setzte überhaupt keine Zeit. Ausgerechnet auf einer vollkommen neuen Rennstrecke fehlte Norris damit fast eine komplette Trainingsstunde. Teamkollege Oscar Piastri hatte ebenfalls keinen besonders angenehmen Freitag: zunächst Probleme mit einem losen Teil im Fußraum, später Beschwerden über mangelnden Grip an der Hinterachse. Während Mercedes und Ferrari Daten sammelten und Antonelli Runde um Runde schneller wurde, stand Norris in der Garage. Für einen Fahrer, der am Samstag um Pole kämpfen wollte, war das ungefähr die ungünstigste Vorbereitung, die man sich aussuchen konnte.
Dass dieser Madring Fehler ziemlich unfreundlich behandelt, zeigte zuerst Lindblad. Der Rookie verlor in FP2 in Kurve 13 das Heck seines Racing Bulls und schlug ein. Am Samstag wurde die Lektion noch deutlicher. FP3 war kaum mehr ein normales Training, sondern zeitweise eine Besichtigung der Streckenbegrenzungen. Lewis Hamilton verbremste sich in der letzten Kurve, schlug frontal in die Barriere ein und beschädigte seinen Ferrari. Weil er die Boxeneinfahrt gerade passiert hatte, versuchte er trotz des unter dem Auto hängenden Frontflügels weiterzufahren, musste den Wagen aber schließlich abstellen. Später erwischte es Oliver Bearman wesentlich heftiger: Der Haas schlug in Kurve zehn ein, Bearman blieb unverletzt, sein Auto war allerdings so schwer beschädigt, dass er am Qualifying gar nicht teilnehmen konnte. Zwei rote Flaggen kosteten den Teams ausgerechnet in jener letzten Trainingsstunde viel Zeit, in der sie ihre Qualifying-Abstimmung perfektionieren wollten.

Und wieder stand am Ende Antonelli ganz oben. 1:32,797 Minuten, 0,166 Sekunden vor Leclerc, Piastri Dritter, Norris Vierter, Verstappen Fünfter. Damit hatte Mercedes tatsächlich alle drei Trainings gewonnen: FP1 durch Russell, FP2 und FP3 durch Antonelli. Gleichzeitig zeigte sich aber erstmals, dass McLaren den Rückstand über Nacht weitgehend aufgeholt hatte. Piastri und Norris lagen plötzlich innerhalb von 0,236 Sekunden zur Spitze. Trotzdem deutete wenig darauf hin, dass ausgerechnet Norris der Mann für die Pole sein würde. Antonelli war schnell, seit Freitag konstant und wirkte auf dem neuen Kurs bemerkenswert sicher; Mercedes hatte in praktisch jeder Konfiguration funktioniert. Norris hingegen musste nach seinem verlorenen Freitag noch immer Erfahrungen sammeln, die seine Konkurrenten längst gemacht hatten.
Das Qualifying schien diese Rollen zunächst zu bestätigen. Russell setzte in Q1 die Bestzeit, gerade einmal 0,056 Sekunden vor Antonelli, obwohl er selbst die Mauer touchierte und Mercedes das Auto anschließend überprüfen musste. Dahinter zeigten Verstappen und Liam Lawson, dass Red Bull ebenfalls im Geschäft war. Für die beiden Spanier begann das erste Madrider Formel-1-Heimspiel dagegen ernüchternd: Carlos Sainz schied als 17. aus, Fernando Alonso als 18. Sainz fehlten gerade einmal fünf Tausendstelsekunden auf Alexander Albon und damit auf Q2. Lance Stroll konnte wegen eines vermuteten Problems mit dem Wasserdruck überhaupt keine Zeit setzen; Bearmans Haas stand nach dem FP3-Unfall weiterhin zerlegt in der Garage.
In Q2 wurde es noch nervöser. Franco Colapinto fing in „La Monumental“ einen heftigen Ausbruch des Alpine ab und musste seinen ersten Versuch abbrechen, rettete sich später aber sogar ins Q3. Pierre Gasly erlebte dagegen eine bemerkenswerte Kehrtwende gegenüber Monza: Eine Woche nach seiner sensationellen Pole kam er mit der Balance seines Alpine überhaupt nicht zurecht und schied als 14. aus. Auch beide Audi waren draußen. Norris? Noch immer kein Mann, bei dem man hektisch einen Wettschein auf Pole ausgefüllt hätte. Er war in Q1 Fünfter und in Q2 Siebenter gewesen. Sein eigener Teamkollege Piastri war keineswegs langsam, Mercedes sah stärker aus, Verstappen war da, Ferrari ebenfalls.
Dann kam Q3 – und plötzlich spielte die bisherige Geschichte dieses Wochenendes keine Rolle mehr. Zunächst sah es sogar nach Lewis Hamilton aus. Der Ferrari-Pilot setzte mit 1:32,079 die erste Bestzeit und durfte für ein paar Minuten von seiner ersten Pole seit 2023 träumen. Antonelli konterte im letzten Versuch mit 1:31,835. Das sah nach der logischen Vollendung eines Wochenendes aus, das Mercedes bis dahin beherrscht hatte: WM-Leader, zwei Trainingsbestzeiten, nun auch Pole. Verstappen kam nicht vorbei. Hamilton nicht. Leclerc nicht. Russell nicht. Und dann kam jener Mann, der am Freitag beinahe eine komplette Trainingssession verloren hatte und nach den ersten Q3-Runden nur Sechster gewesen war.
Lando Norris: 1:31,824. Elf Tausendstelsekunden schneller als Antonelli. Das ist nicht einmal ein Wimpernschlag. Bei 300 km/h entspricht es ungefähr einer Autolänge. Norris hatte seine beste Runde des gesamten Wochenendes genau für jenen Moment aufgehoben, in dem keine zweite Chance mehr blieb. Bemerkenswert war zudem, dass sie nicht einmal vollkommen sauber war: In der letzten Kurve ließ Norris noch Zeit liegen. Bis dorthin war es eine Runde am Limit gewesen, dicht an den Mauern und mit einem Auto, das am Freitag noch kaum jemand als ernsthaften Pole-Kandidaten betrachtet hatte.
Damit steht ausgerechnet Norris auf der ersten Pole Position der Formel-1-Geschichte des Madring. Es ist seine dritte Pole der Saison und die 19. seiner Karriere. Antonelli startet neben ihm, Verstappen lauert als Dritter. Dahinter stehen Hamilton und Leclerc auf vier und fünf, während Russell als Sechster ausgerechnet an jenem Wochenende enttäuschte, an dem er im WM-Kampf dringend Punkte auf Antonelli gutmachen müsste. Nach 13 Rennen beträgt sein Rückstand bereits 66 Punkte. Piastri wurde Siebenter und verlor fast eine halbe Sekunde auf seinen McLaren-Teamkollegen, Lawson startet als Achter vor Colapinto und Lindblad.
Gerade deshalb ist diese Pole so bemerkenswert. Norris hatte am Freitag die wenigsten brauchbaren Kilometer der Spitzenfahrer gesammelt. Mercedes gewann sämtliche Trainings, Antonelli wirkte über zwei Tage wie der natürliche Favorit, Ferrari war immer in Reichweite und Verstappen hatte sich ebenfalls herangearbeitet. McLaren musste dagegen improvisieren, Daten zwischen den Autos übertragen und Norris am Samstag praktisch im Schnellverfahren wieder ins Wochenende hineinbringen. Wenige Stunden später steht er auf Pole. Nicht weil McLaren zwei Tage lang das schnellste Auto hatte, sondern weil Norris in jener einen Runde, in der es zählte, etwas fand, das vorher nicht da gewesen war.
Für Sonntag ist das besonders wertvoll. Der Madring bietet zwar mit der langen Geraden Möglichkeiten zum Angriff, doch die Fahrer erwarten, dass Überholen schwierig wird. Dazu kommt eine Strecke, die schon ohne Zweikämpfe drei rote Flaggen in den Trainings produzierte und deren Mauern nur selten über kleine Fehler verhandeln. Norris hat also genau jene Ausgangsposition, die man hier haben möchte. Hinter ihm steht allerdings Kimi Antonelli, der nach seinem Monza-Wunder mit 66 Punkten Vorsprung in der WM nach Madrid gekommen ist und an diesem Wochenende bislang kaum eine Schwäche gezeigt hat. Daneben lauern Verstappen und zwei Ferrari.
Der Madring hat in seinen ersten beiden Tagen bereits bewiesen, dass er keine lange Eingewöhnungsphase benötigt, um Geschichten zu produzieren. Und die erste große gehört Lando Norris: am Freitag praktisch ohne FP2, am Samstag in Q3 zunächst nur Sechster – und wenige Minuten später der erste Pole-Mann von Madrid. Damit hatte tatsächlich kaum jemand gerechnet.
