Barcelona: Hadjar-Frust und McLaren-Rückkehr

Isaac Hadjar verliert sein Monaco-Podium, und in Barcelona matchen sich Norris und Russell in den ersten beiden freien Trainings. Ein Stimmungsbericht aus Spanien.

Leonie Brandt

Noch bevor in Barcelona die ersten aussagekräftigen Longruns richtig sortiert waren, hatte die Formel 1 schon wieder ihr Lieblingsthema gefunden: nicht Reifen, nicht Flügel, nicht Track Evolution – sondern Paragrafen. Isack Hadjar ist sein Monaco-Podium wieder los. Pierre Gasly bekommt Platz drei nachträglich zurück, weil die Zeitstrafen gegen ihn wegen angeblicher Tempoverstöße in der Boxengasse aufgehoben wurden. Aus dem jungen Red-Bull-Märchen vom ersten Podium im Fürstentum wird damit ein Fall für Aktenordner, Fristen und Teamjuristen.

Pierre Gasly (Alpine) bekam vor Beginn des 1. freien Trainings in Barcelona seinen 3. Platz in Monaco wieder zurück. Foto: Steven Tee/LAT Images

Der Kern der Sache ist so klein, dass er in der Formel 1 natürlich riesig werden musste: eine Messabweichung in der Boxengasse. Gasly war in Monaco zunächst mit zwei Fünf-Sekunden-Strafen belegt worden, fiel dadurch zurück, Hadjar rückte auf das Podium. Nun ist die Reihenfolge wieder anders: Gasly zurück auf Platz drei, Hadjar nur noch Vierter. McLaren und Red Bull wollen dagegen vorgehen, Mercedes prüft ebenfalls rechtliche Optionen. Man ahnt: Wenn ein Podium fünf Tage nach der Champagnerdusche wieder den Besitzer wechseln kann, dann werden künftig auch andere Teams sehr genau nachmessen, wo bislang nur geschluckt wurde.

Besonders pikant ist der Fall, weil er nicht nur Hadjar trifft. Auch Oscar Piastri verliert in der korrigierten Wertung Boden, und George Russell darf sich fragen, warum ausgerechnet er in Monaco eine Strafe absitzen musste, die sich nachträglich nicht mehr sauber zurückdrehen lässt. Die Stewards räumten ein, dass abgesessene Strafen nicht einfach „ungetan“ gemacht werden können. Das ist formal nachvollziehbar, sportlich aber eine jener Antworten, bei denen man als Fahrer vermutlich kurz überlegt, ob man den Helm nicht gleich auf dem Kopf behält, um nichts Falsches zu sagen.

So begann Barcelona mit einer Grundstimmung, die perfekt zu dieser Saison passt: vorn wird gefahren, hinten wird gerechnet, und dazwischen wird protestiert.

Auf der Strecke allerdings lieferte George Russell zunächst die klarste Antwort. Im ersten freien Training am Freitag setzte der Mercedes-Pilot mit 1:16,363 Minuten die Bestzeit. Oscar Piastri fehlten im McLaren 0,203 Sekunden, Charles Leclerc lag im Ferrari 0,520 Sekunden zurück. Max Verstappen wurde Vierter, 0,684 Sekunden hinter Russell. Kimi Antonelli, der WM-Führende und derzeitige Mann der Stunde, saß in FP1 nicht im Auto; Mercedes gab Frederik Vesti den vorgeschriebenen Rookie-Einsatz.

Das machte Russells Auftakt nicht weniger wertvoll (aber es gab ihm wohl Selbstvertrauen). Nach zwei punktlosen Rennen und dem Monaco-Frust war seine FP1-Bestzeit mehr als nur eine Trainingsnotiz. Barcelona ist kein dekoratives Stadtrennen mit Leitplanken-Romantik, sondern ein Prüfstand. Wer hier sofort funktioniert, hat ein Auto, das grundsätzlich verstanden wird. Russell brauchte genau dieses Signal: sauber, sachlich, schnell. Kein Drama, keine Pose – nur eine Rundenzeit.

Doch am Freitag Nachmittag verschob sich das Bild. Lando Norris setzte im zweiten freien Training im McLaren die Bestzeit mit 1:15,426 Minuten. Russell blieb nur 0,009 Sekunden dahinter, Piastri folgte mit 0,057 Sekunden Rückstand. Drei Fahrer innerhalb von 57 Tausendsteln: Das ist keine Rangliste, das ist eine Einladung zum Misstrauen gegenüber allen zu einfachen Erklärungen.

McLaren wirkt in Barcelona wieder gefährlich. Das passt zur Strecke und zum Vorjahr, als Piastri hier von der Pole gewann und McLaren einen Doppelsieg holte. Die langen Kurven, die stabile Aero-Plattform, die Bedeutung des Reifenmanagements – all das spricht traditionell für ein Auto, das im schnellen, fließenden Bereich sauber arbeitet. Norris’ Bestzeit war daher kein Ausreißer, sondern eine Erinnerung: Mercedes führt die Saison, aber Barcelona könnte die Tür für McLaren wieder einen Spalt öffnen.

Kann George Russell in Barcelona wieder zu alter Form finden? Foto: Jiri Krenek/ Active Pictures

Antonelli kam in FP2 zurück ins Auto und wurde nur Fünfter, 0,589 Sekunden hinter Norris. Für einen Fahrer, der mit fünf Siegen in Serie und 66 Punkten WM-Vorsprung anreist, ist das noch kein Grund zur Sorge, aber doch ein kleiner Dämpfer. Der Italiener sprach selbst von einem schwierigen Freitag und davon, dass der sechste Sieg in Folge nicht leicht werde. Das ist vermutlich die zurückhaltende Version dessen, was die Zeitenliste ohnehin sagt: Barcelona schenkt nichts her, auch keinem Wunderkind.

Ferrari zeigte zwei Gesichter. Leclerc war Dritter in FP1 und Vierter in FP2, solide und sortiert. Hamilton dagegen kam erst am Nachmittag zum Einsatz, weil Rookie Dino Beganovic in FP1 seinen Ferrari übernahm. In FP2 landete Hamilton nur auf Rang neun, zudem klagte er über Reifendegradation und war sichtbar nicht so komfortabel wie zuletzt. Nach zwei zweiten Plätzen in Folge ist das noch kein Rückfall, eher ein Freitag mit Arbeitsauftrag. Aber es erinnert daran, dass Ferraris neuer Aufschwung nicht automatisch von Strecke zu Strecke reist.

Interessant ist dabei Leclercs technischer Kurswechsel. Nach Hamiltons jüngster Form und Leclercs Monaco-Crash folgt der Monegasse nun offenbar Hamiltons Richtung bei den Bremsen. Das ist mehr als eine Setup-Fußnote: Es zeigt, dass Ferrari intern beginnt, Hamiltons Wünsche nicht nur zu berücksichtigen, sondern auch als möglichen Wegweiser zu betrachten. Für Leclerc ist das heikel, für Hamilton schmeichelhaft – und für Ferrari vielleicht notwendig.

Verstappen wiederum blieb ein Rätsel mit Ansage. In FP1 Vierter, in FP2 Sechster: nicht langsam, aber auch nicht bedrohlich. F1.com berichtete, dass er im zweiten Training (als einziger) auf harten Reifen mit Grip kämpfte. Das passt zum bisherigen Bild seiner Saison. Verstappen ist selten weit weg, aber zu oft nicht dort, wo er sein müsste. Barcelona war früher ein Ort seiner großen Momente; 2016 holte er hier seinen ersten Formel-1-Sieg. 2026 wirkt es eher so, als müsse er sich jede stabile Fahrzeugbalance erst mühsam erbetteln.

Wird Kimi Antonelli zum 6. Mal in Folge einen Grand Prix gewinnen? In Barcelona? Foto: Giacomo Crapanzano

Der Freitag erzählte also drei Geschichten gleichzeitig. Erstens: Mercedes hat weiter Tempo, aber nicht die alleinige Deutungshoheit. Russell war sofort da, Antonelli muss nach FP1-Aussetzen erst in den Rhythmus finden. Zweitens: McLaren meldet sich auf einer Strecke zurück, die dem Auto liegen dürfte. Norris und Piastri sind eng genug an der Spitze, um Mercedes am Samstag ernsthaft zu stören. Drittens: Ferrari ist konkurrenzfähig, aber noch nicht elegant; Leclerc wirkt sortierter, Hamilton sucht noch das Fenster.

Und über allem hängt Monaco. Nicht sportlich, sondern institutionell. Wenn eine nachträgliche Korrektur Gasly zurück aufs Podium hebt und Hadjar wieder herunterholt, stellt das eine unbequeme Frage: Wer sonst hat in den vergangenen Rennen Entscheidungen hingenommen, die sich mit besseren Daten hätten anfechten lassen? McLaren und Red Bull werden den Fall nicht nur aus Prinzip verfolgen, sondern weil Punkte in dieser Saison bereits jetzt wertvoll genug sind, um aus jeder Zehntel, jedem Zentimeter und jedem Messpunkt eine Grundsatzfrage zu machen.

Barcelona sollte eigentlich das Rennen sein, das wieder Ordnung schafft. Eine Strecke, auf der die beste Kombination aus Abtrieb, Reifenpflege und Fahrerpräzision gewinnt. Nach diesem Freitag ist klar: Ordnung gibt es in der Formel 1 derzeit nur auf dem Papier. Und selbst dort wird gerade Berufung eingelegt.

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